Wie können Autist:innen ihre sozialen Fähigkeiten verbessern?


Leonard Schilbach
Prof. Dr. med. Leonhard Schilbach

Warum führen Menschen Smalltalk? Welche zusätzlichen Informationen liefert der Gesichtsausdruck eines Menschen? Weshalb empfinden Menschen es als unhöflich, keinen Blickkontakt aufzunehmen? Während diese Fragen sich für die meisten Menschen gar nicht stellen oder sie sie intuitiv beantworten können, sind sie für Autist:innen eben oft nicht intuitiv zu beantworten. Sie nehmen soziale Signale oft anders wahr als Nicht-Autist:innen, was in der gemeinsamen Interaktion häufig zu Missverständnissen führt. Um zu verstehen, wie soziale Fähigkeiten verbessert werden können, ist es hilfreich, sich anzuschauen, welche Schwierigkeiten bei Autist:innen bestehen, aber auch auf die Unterschiede in der Wahrnehmung zwischen Autist:innen und Nicht-Autist:innen zu achten. Dabei betrachten wir zwei Seiten: Wie Menschen soziale Situationen wahrnehmen können und welche Verhaltensfertigkeiten sie haben, um diese Situationen aktiv zu bewältigen. Beide Seiten hängen eng miteinander zusammen und eine gute Wahrnehmung sozialer Situationen führt oftmals zu verbesserten Verhaltensfähigkeiten bzw. einer größeren Flexibilität bei der Auswahl des Verhaltens. Denn wenn ich wahrnehmen kann, was ich, mein Gegenüber bzw. wir beide brauchen, kann ich zielgerichtet danach handeln.


Grundlegend wichtige Fähigkeiten in der sozialen Interaktion


Wahrnehmungsfähigkeiten

In der Wissenschaft wird die soziale Wahrnehmung oftmals als “social cognition” bezeichnet, womit die Gesamtheit der relevanten Wahrnehmungs- und Denkprozesse gemeint ist. Sie setzt sich aus verschiedenen z.T. unterscheidbaren Fähigkeiten zusammen wie dem Erkennen sozialer Reize, aber auch der Theory of Mind und Empathie.

Soziale Reize sind dabei u.a. verbale Signale wie z.B. die Sprachmelodie, Sprechpausen oder die Lautstärke, aber auch nonverbale Signale wie Gestik, Mimik und Körpersprache. Diese Signale haben eine Bedeutung und können den Inhalt des Gesagten untermauern oder auch abschwächen. Diese sozialen Reize zu erkennen und auch in den jeweiligen Kontext einzuordnen, erleichtert in der Regel zwischenmenschlichen Austausch.



Marie Bartholomäus
Marie Bartholomäus

Theory of Mind ist die Fähigkeit anderen Menschen mentale Zustände „zuzuschreiben“, das bedeutet sich in die Perspektive des anderen hineinzuversetzen. Dazu gehört beispielsweise das Verhalten von anderen hinsichtlich der zugrundeliegenden Absichten und Intentionen erklären zu können, aber auch in der Lage zu sein, eine Vorhersage über das Verhalten treffen zu können. Dies kann auf der einen Seite unbewusst und intuitiv und auf der anderen Seite bewusst und durch Nachdenken geschehen. Daher können auch Autist:innen eine Theory of Mind entwickeln, indem sie eine Situation systematisch analysieren und sich den psychischen Zustand des Gegenübers herleiten. Möglicherweise stellen Autist:innen sogar diejenige Gruppe dar, die besonders häufig bewusste Zuschreibungen von mentalen Zuständen nutzt, weil bei ihnen andere eher intuitive Zugangsmöglichkeiten weniger hilfreich sind.

Die Empathie bezeichnet die Fähigkeit sich in die mentalen Zustände anderer Menschen einzufühlen. Auch hier kann zwischen einer kognitiven Empathie und einer emotionalen Empathie unterschieden werden. Die kognitive Empathie macht es möglich über Nachdenken und Analysieren Gefühlszustände anderer Menschen nachzuvollziehen, während die emotionale Empathie das Mitfühlen mit anderen Menschen beschreibt. Die zwei nachfolgenden Reaktionen können den Unterschied verdeutlichen:

Kognitive Empathie: „Ich kann nachvollziehen, wie Du dich gerade fühlst“ vs. Emotionale Empathie: „Ich werde auch ganz betroffen und teile Dein Gefühl, wenn Du das so erzählst“.


Verhaltensfertigkeiten

Wenn eine soziale Situation richtig erfasst und eingeschätzt wurde, werden soziale Verhaltensfertigkeiten benötigt, um entsprechend der eigenen Bedürfnisse, die ebenfalls erfasst werden müssen, zu handeln und die Situation aktiv gestalten zu können. Eine soziale Fähigkeit, die viele Menschen zwar beherrschen, oft aber nur aus Konvention machen, ist der Smalltalk, also das Plaudern mit anderen Personen über Alltagsaspekte wie das Wetter oder die Aktivitäten am vorangegangenen Wochenende. Smalltalk hat neben dem inhaltlichen Austausch, der womöglich gering ausgeprägt ist, eine wichtige soziale Funktion, kann Interaktionen strukturieren und vorhersagbar machen oder eine soziale Verbundenheit mit anderen Personen herstellen. Letzteres ist für Autist:innen schwer nachvollziehbar, weil sie sich eher auf die inhaltliche Austauschebene konzentrieren. Dementsprechend sehen Autist:innen häufig keinen Sinn im Smalltalk und betreiben ihn wenig, was zu Irritationen beim nicht-autistischen Gegenüber führen kann. Weitere Fähigkeiten, die eingeschränkt sein können, sind das Intensivieren von Kontakten über das Zeigen von Interesse und das Halten von Kontakten. Viele Autist:innen wünschen sich Freundschaften und Partnerschaften und äußern gleichzeitig eine starke Unsicherheit darüber, wie sie mit anderen Menschen in Kontakt treten und die Kontakte aufrechterhalten können.

Zur Unterstützung von Personen mit Autismus, aber auch anderen Personen mit Schwierigkeiten oder sogar Störungen der sozialen Interaktion, haben wir ein Psychotherapiemanual entwickelt, das ein theoretisches Modell enthält, welches die oben genannten Wahrnehmungs- und Verhaltensfähigkeiten integriert und wichtige Einzelfähigkeiten aus beiden Bereichen beschreibt. So ist es in einem ersten Schritt möglich individuelle Schwierigkeiten aber auch Stärken anhand eines “Interaktionskompasses” zu erfassen und dann anhand verschiedener Therapiemodule gezielt daran zu arbeiten.


Verbesserung sozialer Fähigkeiten für Menschen mit Autismus


Trainings zur Verbesserung von sozialen Fähigkeiten sind in der Psychotherapie insgesamt eine Standardmethode und fokussieren dabei zum großen Teil auf den Aufbau von neuen Verhaltensfertigkeiten. Insbesondere für Autist:innen, aber auch anderen Personengruppen, scheint jedoch auch das Trainieren von den oben beschriebenen Wahrnehmungsfertigkeiten wichtig zu sein sowie die Entwicklung eines Verständnisses dafür, welche Prozesse bei der sozialen Interaktion eine wichtige Rolle spielen. Dabei können sich Autist:innen oftmals ihre Fähigkeit, detailreich zu beobachten und zu analysieren zu Nutze machen, um soziale Signale einordnen zu lernen und daraus Arbeitshypothesen zu bilden, warum das Gegenüber so reagiert, wie es reagiert. Wichtig ist, dass es bei der Verbesserung sozialer Fähigkeiten nicht darum geht, Autist:innen zu perfekten Interaktionsrobotern zu machen, sodass die Interaktion für das Gegenüber möglichst angenehm ist, sondern sie zu unterstützen diejenigen Fähigkeiten zu entwickeln, die sie benötigen, um in ihrem Interesse möglichst befriedigende Interaktionen zu erleben. Außerdem ist ebenfalls wichtig zu betonen, dass zum Gelingen einer sozialen Interaktion (mindestens) zwei Personen beitragen, d.h. auch ein nicht-autistischer Interaktionspartner kann lernen, sich auf Autismus-typische Interaktionsbedürfnisse (z.B. die Verwendung von expliziten Formulierungen und der Verzicht auf Ironie und Sarkasmus) einzustellen. Insgesamt zeigt die jüngere Forschung, dass das Gelingen von sozialen Interaktionen und z.B. Freundschaften auch vom Grad der Unterschiedlichkeit zweier Menschen abzuhängen scheint. So ist es für die Freundschaftsqualität weniger wichtig, ob eine Person starke oder weniger starke autistische Persönlichkeitsmerkmale aufweist, sondern eher, ob dies bei der/dem Freund/in in gleichem Maße vorliegt. In Gruppentherapien, in denen nur Autist:innen anwesend sind, fällt ebenfalls auf, dass die Kommunikation oftmals sehr gut gelingt.

Um die Wahrnehmung für soziale Signale zu verbessern, können soziale Signale im ersten Schritt systematisiert werden: Welche sozialen Signale gibt es und welche Funktion haben Sie? Dabei werden nonverbale und verbale Signale betrachtet. Blickkontakt, Blickrichtung, Körperhaltung, Gesichtsausdruck und Gestik sind wichtige Signale im zwischenmenschlichen Kontakt. Der räumliche Abstand, den Menschen voneinander halten, gibt bspw. Aufschluss über die Art der Beziehung, die sie haben. Es ist also hilfreich soziale Signale nicht nur erkennen und benennen zu können, sondern sie auch interpretieren zu können. Dies kann über Videosequenzen, Filme oder Beobachtung im Alltag gefördert werden.


Ein weiterer wichtiger Baustein des Psychotherapiemanuals ist die so genannte Psychoedukation über Gefühle. D.h. Teilnehmer:innen lernen, was Gefühle sind und warum sie als Hinweissignale für Bedürfnisse verstanden werden können. Im Zwischenmenschlichen sorgen sie zum einen dafür, dass Menschen sich einander annähern, z.B. bei Freude, Bedürfnis: Freude teilen z.B. über eine Umarmung oder bei Traurigkeit, Bedürfnis: sich trösten lassen. Sie können aber auch signalisieren, dass Menschen sich voneinander entfernen sollten, z.B. bei Wut oder Enttäuschung. Sich Wissen über verschiedene Gefühle anzueignen, kann also bei der Interpretation zwischenmenschlicher Situationen helfen. Diese sind nämlich häufig so komplex und schnelllebig, dass wir nicht lange nachdenken können, aber anhand unserer Gefühle rasch einen ersten Eindruck bekommen, ob sich die Interaktion gut anfühlt. Es kann auch dabei helfen, eigene Bedürfnisse besser wahrzunehmen und die richtigen Handlungen für sich selbst einzuleiten, bspw. aus einer Situation weggehen, wenn ich mich ärgere und mich schlecht behandelt fühle und sie nicht auszuhalten.

Um soziale Signale und Gefühle bei sich selbst und dem Gegenüber besser einordnen zu können, kann es hilfreich sein, auf vereinfachte zwischenmenschliche Erklärungsmodelle oder “Heuristiken” zurückzugreifen. In der so genannten Schematherapie werden drei Bewältigungsstile betrachtet, auf die Menschen zurückgreifen, wenn sie mit schwierigen Situationen konfrontiert sind: Unterordnung, Vermeidung und Überkompensation. Unterordnung äußert sich z.B. in einer leisen Stimmlage, gebückter Körperhaltung und zustimmenden Aussagen. Vermeidung äußert sich z.B. darin, dass kein Blickkontakt aufgenommen wird und weder zugestimmt noch abgelehnt, sondern auf ein anderes Thema umgelenkt wird. Überkompensation hingegen äußert sich z.B. in einer kraftvollen, aufrechten Körperhaltung und inhaltlich in dominierenden Aussagen. Patient:innen können lernen, soziale Signale und Verhaltensweisen bei sich und anderen diesen Bewältigungsstilen zuzuordnen, um für sich ein Erklärungsmodell für soziale Situation zu bilden. Als solch ein Erklärungsmodell (Heuristik) können die Bewältigungsstile so helfen, eine Situation schneller zu erfassen und zielgerichtete Handlungen einzuleiten.


Um die Verhaltensfertigkeiten zu verbessern, greifen wir in der Therapie oftmals auf Rollenspiele zurück. In einem ersten Schritt werden schwierige Situationen identifiziert, in denen sich die Betroffenen eine Erweiterung ihres Verhaltensrepertoires wünschen. Anschließend werden andere Verhaltensstrategien generiert und in einem dritten Schritt in Rollenspielen ausprobiert. Letztlich ist es dann wichtig, die neu aufgebauten Fähigkeiten im Alltag auszuprobieren. Dabei ist zu beachten, dass Verhaltensänderungen im Alltag schrittweise ausprobiert werden und realistisch sowie erreichbar sind. Oftmals neigen Menschen dazu, sich zu komplexe oder schwierige Situationen für Verhaltensänderungen auswählen und dann eine enttäuschende Erfahrung zu machen („War ja klar, dass das nicht funktioniert“), was frustrierend sein und zu Vermeidungsverhalten führen kann.

Insgesamt hoffen wir, dass das von uns entwickelte Psychotherapiemanual möglichst vielen Menschen helfen kann, sich in sozialen Interaktionen wieder oder erstmalig besser zurecht zu finden, so dass die daraus womöglich resultierende soziale Verbundenheit und der Austausch einen positiven Einfluss auf die seelische Gesundheit haben können.



Prof. Dr. med. Leonhard Schilbach ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie; seit Oktober 2020 Chefarzt, stellvertretender Ärztlicher Direktor und Leiter der Ambulanz für Störungen der sozialen Interaktion und Autismus im Erwachsenenalter am LVR-Klinikum Düsseldorf / Kliniken der Heinrich Heine-Universität Düsseldorf. 2015-2020 Aufbau und Leitung der Ambulanz und Tagklinik für Störungen der sozialen Interaktion sowie Forschungsgruppenleiter am Max-Planck-Institut für Psychiatrie, München. Supervisor für klinische Verhaltenstherapie (ÄK Nordrhein und Psychotherapeutenkammer NRW) 2016 Preis zur Erforschung von psychischen Erkrankungen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN); 2016 Forschungspreis der Deutschen Gesellschaft für Biologische Psychiatrie (DGBP).


Marie Bartholomäus ist als psychologische Psychotherapeutin aktiv. Zuvor war Frau Bartholomäus als Mitarbeiterin der „Ambulanz für Störungen der sozialen Interaktion" sowie im stationären Bereich am Max-Planck-Institut für Psychiatrie tätig. Wissenschaftlich beschäftigt sie sich mit der Validierung und Weiterentwicklung des KOMSSI-Manuals. Gemeinsam mit Leonhard Schilbach veröffentliche Frau Bartholomäus ein verhaltenstherapeutisches Manual zur Selbstanwendung, um während der Pandemie-bedingten Einschränkungen psychisch gesund zu bleiben.


Literatur

Schilbach et al. (2022). Kompetenz-orientiertes Manual zur Behandlung von Störungen der sozialen Interaktion. Elsevier.

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