Trauma im Autismusspektrum – über die Folgen und welche therapeutischen Mittel helfen


 Josephin Lorenz
© FOTORAUM Hannover

Ein traumatisierendes Erlebnis kann jedes stark beunruhigende Ereignis sein, wie z.B. ein Autounfall, eine Naturkatastrophe, Mobbing, das Zerbrechen einer Beziehung, der Tod eines geliebten Menschen, schwere Krankheit, sexueller Missbrauch oder häusliche Gewalt. Es werden dabei Grenzen der individuell möglichen Stressverarbeitung überschritten. Bislang bewährte Bewältigungsstrategien greifen dann nicht mehr und es werden Gefühle von Ohnmacht und Kontrollverlust erlebt.


Bei Menschen aus dem Autismusspektrum können zusätzliche Dinge traumatisieren. Da sie die Sinneseindrücke aus der Welt oft unterschiedlich verarbeiten, reagieren sie anders als Neurotypische (Menschen mit einer „normalen“ Wahrnehmung) es erwarten. Folgen sind oft sich wiederholende, verstärkte Ablehnung und Abwertung.

Um diese Ausgrenzung zu vermeiden, versuchen Autisten oft, ihr Anderssein zu verstecken bzw. erbringen im „normalen“ Alltag oft enorme Anpassungsleistungen. Als Folgen können sowohl Isolation als auch Selbstverlust durch übermäßige Anpassung entstehen. Dies kann ebenfalls als traumatisch erlebte Erfahrung abgespeichert werden und eine der Ursachen von langen Leidenswegen sein.


2007 veröffentlichten die Gehirnforscher Henry und Kamila Markram erstmals ihre Intense World Theory. Diese Theorie beschreibt, dass autistische Personen ein überempfindliches Gehirn haben und im Gehirn der Betroffenen eine permanente Reizüberflutung stattfindet. Deswegen ziehen sich autistische Kinder in bestimmten Phasen der Entwicklung aus dem Sozialleben zurück. Der Grund sind Schwierigkeiten im Umgang mit den Reizen. (aus: Wagner, L. (2018): Der Junge, der zu viel fühlte. Wie ein weltbekannter Hirnforscher und sein Sohn unser Bild von Autismus für immer verändern)


Josephin Lorenz Buch: „Anders ist eine Variation von Richtig. PEP und Kunsttherapie bei Autismus“

Leider müssen autistische Kinder und Jugendliche zusätzlich erfahren, dass nicht alle Mitmenschen sich an die „Spielregeln“ des sozialen Zusammenseins halten.

Ergebnisse der ACE-Studie (ACE = adverse childhood experiences) bezüglich Traumatisierungen in der Kindheit und deren Folgewirkungen sind erschreckend (Felitti et al. 1998):


• Kindheitstraumata kommen oft und in allen Bevölkerungsschichten vor.

• Traumatisierungen in der Kindheit haben einen deutlichen Einfluss auf die spätere Gesundheit.

• Je mehr Arten von Kindheitstraumata erlebt wurden, desto größer ist der negative Einfluss auf die spätere Gesundheit.


Traumatischen Erlebnisse in der Kindheit haben in der Regel jedoch schwerwiegende Auswirkungen für das Erwachsenendasein – sowohl psychisch wie auch körperlich.


Auswirkungen auf das Gehirn und Folgen


Ein Trauma kann sich besonders auf drei Bereiche im Gehirn auswirken: den Hippocampus, die Amygdala und den präfrontalen Kortex.


Der Hippocampus ist die Region des Gehirns, die für Erinnerungen verantwortlich ist. Er hilft uns, neue und alte Erinnerungen zu sortieren und dann zu bestimmen, wo im Gehirn diese Erinnerungen gespeichert werden sollen, damit sie bei Bedarf abgerufen werden können. Der Prozess des Erinnerns, der im Hippocampus verortet wird, kann durch ein Trauma gestört werden. Dann fühlen sich alte Erinnerungen wie neu an und das Gehirn bleibt in höchster Alarmbereitschaft. Dies sorgt für die Ausschüttung überschüssiger Stresshormone, die eine gesunde Weiterentwicklung hemmen können.


Unser „Angstzentrum" (Amygdala) ist ein mandelförmiger Bereich im Gehirn. Hier entstehen die Emotionen. Die Amygdala kann uns durch die Ausschüttung von Stresshormonen helfen, in eine Kampf- oder Fluchtreaktion zu kommen und dadurch Gefahren zu vermeiden. Durch ein Trauma kann es passieren, dass die Amygdala überaktiv wird. Wenn ein traumatisierter Mensch mit Reizen konfrontiert wird, die ihn an das Trauma erinnern, kann das dazu führen, dass die Person enormen Stress erlebt, selbst wenn die Reize nicht direkt mit dem Ereignis in Verbindung gebracht werden. Das Ergebnis ist, dass sich das Trauma-Opfer in ständiger Alarmbereitschaft befindet.


Der dritte Bereich, der durch ein Trauma verändert werden kann, ist der präfrontale Kortex. Dieser Bereich ist für unser rationalem Denken verantwortlich. Er ermöglicht uns unter anderem, Impulse zu kontrollieren und Gefahren einzuschätzen. Wird das Gehirn jedoch mit Stresshormonen überflutet, verliert eine traumatisierte Person die Fähigkeit, zu bestimmen, wann Gefahren real sind. Emotionen zu kontrollieren und zu steuern ist dann oft nicht mehr möglich.


Symptome und Beschwerden durch ein Trauma


Diese Veränderungen können traumatypische Krankheitszeichen bzw. Symptome verursachen. Dr. Andreas Krüger (Powerbook – Erste Hilfe für die Seele, Trauma Selbsthilfe für junge Menschen, Elbe& Krüger Verlag, 2011) unterteilt die Folgen in vier Gruppen:


  1. Übererregung

  2. Flashbacks (überwältigende Erinnerungen)

  3. Vermeidungsverhalten

  4. Dissoziationen (Zustände, in denen man wie weggeschaltet ist.)


Trauma ist nicht etwas, das man einfach "überwinden" kann. Bei manchen Menschen dauert ein Trauma nur ein paar Wochen oder Monate, bei anderen können die Symptome ein Leben lang anhalten. Folgende Beschwerden können sich zeigen:


  1. Verzweiflung

  2. Niedergeschlagenheit

  3. Übererregung, Alarmiertheit

  4. Angst

  5. Ärger

  6. Überaktivität oder sozialer Rückzug

  7. Erstarrung und Betäubung

  8. Depression und Sucht


Leider heilt Zeit nicht alle Wunden. Traumata aus der Kindheit lösen sich häufig nicht von allein. Es ist wichtig, sie aufzuarbeiten, damit sie sich nicht auf das gesamte spätere Leben negativ auswirken.

Jedoch erhalten Kinder und Jugendliche aus dem Autismusspektrum im Gegensatz zu Gleichaltrigen ohne Autismus weniger Unterstützung während und nach einer traumatischen Erfahrung. (Quelle: Autismus-Forschungs-Kooperation (AFK) (2009): Ambulante Psychotherapie bei Personen mit Autismus). Ihr Verhalten, das autismusbedingt „andersartig“ ist, wird oft als Erklärung für das traumatische Erlebnis benutzt. Besonders wenn es im Kontext von Beziehungen entstanden ist.

Die regelmäßig praktizierte „Lösung“ besteht dann darin, dem Opfer zu „besserem Benehmen“, das heißt mehr Anpassung, zu raten. Aber leider heißt das ja nichts anderes als: Du bist selbst schuld, wenn dir so etwas passiert.


Für mich ist es daher nicht verwunderlich, dass ich mit den Kindern lange nach guten Selbstbeziehungssätzen suchen muss. Denn sie haben immer und immer wieder gelernt, dass sie eben nicht okay sind – so, wie sie sind. Mobbing gegen Autisten ist nicht „normal“ und es ist auch keine Folge von Autismus. Das Anderssein als Ursache des Mobbings zu sehen und sich an die Attacken als eine Art „Naturgewalt“ zu gewöhnen, ist fatal und hat nachhaltige Auswirkungen auf die Psyche eines Menschen.


Wege zu mehr Zufriedenheit und Glück


Ein erster Schritt aus einer Opferrolle herauszukommen, kann sein, sich mit einem Therapeuten über belastende Erfahrungen auszutauschen.

Nach meiner Erfahrung sind folgende drei Phasen hilfreich:


  1. Stabilisierung

  2. Traumabearbeitung

  3. Integration


Wichtige stabilisierende Aspekte in der Behandlung von Menschen mit Autismus sind ein sicherer therapeutischer Rahmen, eine haltgebende therapeutische Beziehung sowie eine empathische Haltung und das Verständnis von autismusspezifischen Wahrnehmungen.


Alles, was das Stresslevel reduziert und der Selbstregulation dient, ist hilfreich. Das können das Unterlassen des Händeschüttelns bei der Begrüßung sein, nicht auf Augenkontakt zu bestehen, den passenden Abstand zwischen Therapeuten und Klient zu finden, nach Störfaktoren zu fragen und diese zu eliminieren. Da die Empfindlichkeiten bei Menschen aus dem Autismus-Spektrum sehr unterschiedlich sind, gilt es hier sensibel nachzufragen bzw. selbst achtsam auf möglicherweise überfordernde Sinneseindrücke zu sein.


Frau Dr. Preißmann, Autorin und selbst aus dem Autismusspektrum, beschreibt dies aus ihrer persönlichen Erfahrung:


„Abgelenkt haben mich lange Zeit die Bücher (meiner Therapeutin), die in zwei Regalen stehen. Anfangs hat sie sie oft umgeräumt, was mich immer sehr irritiert hat. Mittlerweile macht sie das zum Glück nur noch selten. Die zwei Bilder, die ich von meinem Sessel aus sehen kann, hängen manchmal schief, was mich ebenfalls irritiert. (…) Wir scheinen oft so sehr in uns versunken, aber wir registrieren sehr genau, was um uns herum geschieht. Viel zu genau vielleicht.“

(aus Preißmann C. (2007): Psychotherapie bei Menschen mit Asperger-Syndrom).


Für die Stabilisierung ist das Erleben von eigenen Ressourcen und der eigenen Selbstwirksamkeit sehr wichtig. Techniken zur Distanzierung zu erlernen, hat sich bei plötzlich auftauchenden überwältigenden Gefühlen als hilfreich erwiesen.

Beispiele für diese Techniken sind:


• Belastendes wird in einen vorgestellten oder real in einen selbstgebastelten Tresor gesperrt.

• „inneren sicheren Ort“ vorstellen oder malen bzw. gestalten (Ein Ort, den man sich in der Fantasie vorstellt und an dem man vor jeder Gefahr sicher ist.)

• Vorstellung von innerem Helfer (Eine kraftvolle, beschützende Gestalt. Bei Kindern ist das oft einer der bekannten Superhelden, kann aber auch das Lieblingskuscheltier sein.)

• Andere inneren „Kraftquellen“

• Liste mit den eigenen Fähigkeiten (Ressourcen), „Notfallkoffer“ (Selbsthilfe-Strategien)

Seit 2013 arbeitet Josephin Lorenz in eigener Praxis.

Wichtig finde ich auch meine Grund-Haltung als Therapeutin bei Kindern aus dem Autismus-Spektrum:


Einfühlungsvermögen und Empathie: Wahrnehmung des emotionalen Zustandes der Person, auch subtile Signale, die auf unterschiedliche Grade von Regulation und Fehlregulation hinweisen.


Anliegen genau klären: Was wünscht sich das Kind, was kommt von den Eltern? Was ist hilfreich?


„Warum?”: Widerständiges Verhalten nicht einfach als aufsässig etikettieren, sich die Mühe machen, herauszufinden, was dem Verhalten zugrunde liegt. Wissen um Zustände eines autistischen Overloads /Meltdowns mit einbeziehen.


Gemeinsame Kontrolle: Sie teilen die Kontrolle mit der Person und leiten sie nach Bedarf an. Überlässt man dem Menschen mit Autismus in vielfältigen Situationen und Settings die Kontrolle, führt das letztlich zu mehr Unabhängigkeit, Selbständigkeit und Selbstbestimmung.


Nutzung von autismusspezifischen Bondings: Je nach Aufnahmefähigkeit eher über auditives Bonding (ruhige Stimme) als über visuelles (Augenkontakt).


Humor: Würdigung des Leids steht an oberster Stelle. Doch nicht jedes Symptom wird durch die Katastrophenbrille betrachtet. Viel hilfreicher, sowohl für das Kind als auch die Familie, ist es, wenn die Menschen im Umfeld ihren Sinn für Humor bewahren.


Vertrauen: Es ist wesentlich, von Beginn an zuzuhören und dem autistischen Menschen mit Respekt zu begegnen.


Flexibilität: Wichtig ist die Erkenntnis, wenn Plan A nicht funktioniert, es Zeit ist, zu Plan B überzugehen.


Innerhalb meines kunsttherapeutischen Settings können Ressourcen des Klienten aktiviert werden, die sonst nicht zum Ausdruck kommen. Durch das Malen und Gestalten aktivieren sich Gefühle von „Ich kann gestalten, ich kann mich ausdrücken!“. Wichtig ist dabei die durchgehend verlässliche therapeutische Unterstützung, mit der der Klient jetzt die Achtsamkeit, den Schutz und die Kontrolle erleben kann, die es damals nicht gab.


In der Trauma-Bearbeitungsphase bietet aus meiner Erfahrung die Prozess- und Embodimentfokussierte Psychologie (kurz PEP® genannt) nach Dr. Michael Bohne einen deutlichen Vorteil gegenüber anderen Verfahren. Da Autisten oft Schwierigkeiten haben, ihre Emotionen zu benennen, können multisensorischen Stimulationen bei gleichzeitiger kognitiver Fokusaktivierung und einem strukturierte Bindungsangebot die Traumaverarbeitung deutlich erleichtern. (siehe Bohne, M. (2019): Bitte klopfen. Anleitung zur emotionalen Selbsthilfe. Heidelberg (Carl-Auer Verlag) und Bohne, M. (2019): Klopfen mit PEP. Prozess-und Embodimentfokussierte Psychologie in Therapie und Coaching. Heidelberg (Carl-Auer), 7. Aufl.)


Das Ziel einer Traumatherapie ist es, dass der Klient immer mehr die Kontrolle über seine Gefühle, Gedanken und Handlungen zurückgewinnt.


Fazit


Das Thema „Trauma im Autismusspektrum“ sollte dringend weiter untersucht werden. Wichtige zu untersuchende Aspekte sind, dass Autisten auf Grund ihrer sozialen Isolation und Unsicherheit besonders anfällig für Mobbing in Form von physischer und verbaler Misshandlung sind. Zusätzlich fällt es Ihnen schwerer, ihre Misshandlungs-Erfahrung entsprechend mitzuteilen. Wichtig scheint es mir auch zu sein, dass neurotypische Menschen anerkennen, dass autistische Menschen durch die soziale Ausgrenzung, Mobbing und Ängste vor einem Overload posttraumatische Belastungsstörungen entwickeln können. Hier gilt es, autismus- und traumaspezifische Therapiekonzepte weiterzuentwickeln.


Josephin Lorenz ist

• Dipl. Designerin, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Psychoanalytische Kunsttherapeutin und zertifizierte PEP® – Anwenderin

• Dozentin beim Kinder- und Jugendlichen-Curriculum bei Dr. Michael Bohne und dem Zentrum für Autismus Kompetenz (ZAK) Hannover.

• Nach langjähriger Begleitung traumatisierter Kinder und Jugendlichen sowie junger Menschen aus dem Autismusspektrum im Sozialpädiatrischen Zentrum Hannover, arbeitet sie seit 2013 in eigener Praxis www.praxis-wandelstern.de.

• Buchautorin: „Anders ist eine Variation von Richtig. PEP und Kunsttherapie bei Autismus“ (2020, Carl Auer Verlag) Mitautorin in dem neuen Buch im Carl Auer Verlag „PEP bei Kindern und Jugendlichen“ (erscheint 2022)



Literatur

Autismus-Forschungs-Kooperation (AFK) (2009): Ambulante Psychotherapie bei Personen mit Autismus. Verfügbar unter: https://www.autismus-forschungs-kooperation.de/psychotherapie-bei-autismus-und-asperger-syndrom, sowie unter: https://www.autismus-forschungs-kooperation.de/wissen-ueber-autismus-bei-allgemeinmedizinern/ und https://www.autismus-forschungs-kooperation.de/wissen-ueber-autismus-bei-lehrern [14.6.2020].

Bohne, M. (2019): Bitte klopfen. Anleitung zur emotionalen Selbsthilfe. Heidelberg (Carl-Auer).

Bohne, M. (2019): Klopfen mit PEP. Prozess-und Embodimentfokussierte Psychologie in Therapie und Coaching. Heidelberg (Carl-Auer), 7. Aufl.

Felitti, V. et al (1998): The adverse childhood experience (ACE) study. Relationship of childhood abuse and household dysfunction to many of the leading causes of death in adults. Verfügbar unter: https://www.ajpmonline.org/article/S0749-3797(98)00017-8/fulltext [14.6.2020].

Preißmann C. (2007): Psychotherapie bei Menschen mit Asperger-Syndrom. Konzepte für eine erfolgreiche Behandlung aus Betroffenen- und Therapeutensicht. Stuttgart (Kohlhammer), und Artikel im Ärzteblatt 12/2007, verfügbar unter: https://www.aerzteblatt.de/archiv/58210/Psychotherapie-bei-Menschen-mit-Asperger-Syndrom-Durchaus-liebenswerte-Persoenlichkeiten [14.06.2020].

Wagner, L. (2018): Der Junge, der zu viel fühlte. Wie ein weltbekannter Hirnforscher und sein Sohn unser Bild von Autismus für immer verändern. München (Europa).

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