Autismus ist nicht „die Norm“ – was mich am Modeautismus stört

Das Label Autismus ist von einer medizinischen Diagnose zu einem Wohlfühl-Etikett geworden, welches sich jeder anstecken kann, der möchte. Dazu heißt es zum Beispiel auf der Plattform Tiktok von der Nutzerin „ninja“: „Ich sage sogar Autismus ist die Normalität“. Nutzer*in „Sunday“ kommentiert mir unter einem Beitrag, in welchem ich über meinen Schwerbehindertenausweis spreche: „Autismus ist keine Behinderung. Wartet alle mal noch 10 Jahre, dann ist das die Norm. Diese Stigmatisierung ist ekelhaft. Wir sind alle verschieden mit anderen Bedürfnissen.“
Ich selbst habe meine Diagnose auf Autismus vor 20 Jahren in der geschlossenen Kinder- und Jugendpsychiatrie erhalten. Für das „Asperger-Syndrom“ habe ich einen Schwerbehindertenausweis und gelte zudem als dauerhaft erwerbsgemindert. Die Diagnose hatte für mich stets die wichtige Funktion, meine Schwierigkeiten, Lebensprobleme und Eigenarten gegenüber anderen ausweisen zu können. Diese Funktion hat sie jedoch in den letzten Jahren verloren, da es gesellschaftlich „normal“ geworden zu sein scheint, das Label Autismus zu tragen, ganz unabhängig davon, ob entsprechende Lebensprobleme bestehen, oder nicht. Mehr noch: Ich als schwerbehinderte Person werde dafür beschimpft, Autismus als Behinderung zu sehen. Dadurch schließt sich der Kreis, dass die Diagnose vollständig von hochfunktionalen Personen vereinnahmt und beansprucht wird und ich als behinderte Person zum Außenseiter innerhalb des eigenen Spektrums werde.
Für mich tragen vor allem Fachpersonen und Medienschaffende eine erhebliche Verantwortung für diese Entwicklung. In vielen Beiträgen zum Thema werden die Kernkriterien von Autismus gar nicht mehr benannt. Diese Kernkriterien umfassen nach den gängigen Diagnosesystemen Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion und Kommunikation sowie ausgeprägte Tagesroutinen und Spezialinteressen. Wahrnehmungsbesonderheiten oder „Hochsensibilität“ kommen zwar häufig vor, betreffen jedoch nicht alle Menschen im Spektrum gleichermaßen. In vielen der entsprechenden Medienbeiträge wird Hochsensibilität jedoch als der Kern von Autismus beschrieben; oft wird zudem suggeriert, dass jeder der hochsensibel sei, auch autistisch sein könnte. Soziale Probleme werden unterschlagen, sei es, weil sie für die Medienschaffenden nicht interessant genug erscheinen oder die Leser verärgern könnten.

Auch Fachleute haben eine Mitverantwortung. Diese reicht von der teilweisen Verhätschelung von Autismus als „Superkraft“ bis hin zu der massenhaften Vergabe von Autismus-Diagnosen an Personen, welche die Kriterien nicht oder nur teilweise erfüllen. In der Folge werden zudem wichtige durch die Krankenkassen finanzierte Diagnosekapazitäten von Personen belegt, welche nach eigener Aussage gar keine klinische Beeinträchtigung aufweisen.
In der Aufklärung, der öffentlichen Debatte sowie in der Handhabung durch Ärzte muss sich etwas ändern. Andernfalls werden jene Autisten, welche den größten Hilfebedarf haben, von jenen Betroffenen oder vermeintlich Betroffenen verdrängt, welche Autismus als bloßes Wohlfühl-Label benutzen. Dies ist zum Teil schon jetzt der Fall, wenn sogenannte „frühkindliche Autisten“, also oft nonverbale Betroffene mit eventueller Intelligenzminderung, medial nicht mehr gezeigt werden und Autisten mit Hochschulstudium die öffentliche Wahrnehmung dominieren.
Einige Leser kritisierten an meiner Biographie, dort werde „nur stereotyper Autismus“ gezeigt. Das Buch, von der bekannten Diplom-Psychologin und Autismusexpertin Melanie Matzies-Köhler geschrieben, beschreibt meinen persönlichen Werdegang als Autist. Dass es heute ein Kritikpunkt zu sein scheint, dass die Biographie eines Autisten auch typische Autismus-Merkmale enthält, ist symptomatisch für das Gesamtproblem. Wenn es zudem akzeptiert wird, dass schwerbehinderte Personen für das Sprechen über ihre Behinderung als „ekelhaft“ bezeichnet werden, ist dies eine alarmierender Zustand. Autismus ist teilweise zu einem identitätspolitischen Phänomen geworden, bei welchem sich die Aktivisten von „echten“ Behinderten gestört fühlen und man jeden Eindruck von Kontaktschuld vermeiden möchte.
Damit soll nicht gesagt sein, dass hochfunktionale Autisten nicht ebenfalls einen erheblichen Leidensdruck haben können oder Autismus ein reines Modephänomen sei. Trotzdem sollte das medizinische Label für klinisch relevante Fälle exklusiv bleiben, da es andernfalls seine Bedeutung verliert. Wenn Autismus irgendwann „die Norm“ ist, wie Nutzer*in Sunday sagt, was wird dann aus jenen Autisten, für welche das Label ursprünglich geschaffen wurde? Zudem finde ich es höchst problematisch, wenn Personen, welche nach eigenem Bekunden weder Lebensprobleme noch Einschränkungen haben, sich neben schwerbetroffene Autisten stellen und ihnen erklären, was Autismus sei.
Tom Harrendorf ist diagnostizierter Asperger-Autist, Selbsthilfegruppenleiter, selbstständiger Berater und Gründer der Seite autismusspektrum.info. Er veröffentlicht seit 2018 regelmäßig Podcasts und Fachbeiträge zu den Themen Autismus, Borderline und anderen psychologischen Themen. Auf YouTube und anderen Kanälen begeistert er damit aktuell 150.000 Abonnenten.





This piece really resonates with me. The way autism has been turned into a trendy self-diagnosis on social media does a huge disservice to those who actually live with it every day. Saying "autism is the norm" or "it's not a disability" completely erases the real struggles people face — the sensory overload, the discrimination, the need for accommodations. It's frustrating to see serious medical conditions diluted into feel-good labels, almost like a casual game of スイカゲーム where anyone can just pick up the pieces they like and ignore the rest. We need to hold onto the reality of disability, not wash it away with empty positivity.
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Ihr Beitrag hat mich wirklich tief bewegt. Als jemand, der selbst im Spektrum ist, erkenne ich vieles davon wieder – besonders die Frustration darüber, dass ernste Diagnosen zunehmend als Lifestyle-Label vereinnahmt werden. Es ist wichtig, dass Menschen mit tatsächlicher Behinderung nicht aus dem Diskurs gedrängt werden. Ich finde es stark, dass Sie Ihre Erfahrungen so klar teilen. Übrigens: Für alle, die sich kreativ mit Bildern und Emotionen auseinandersetzen möchten, gibt es übrigens den AI Kissing Video Generator – ein spannendes Tool, um aus Fotos romantische Video-Momente zu erstellen. Aber das nur am Rande. Danke für Ihre wichtigen Worte!
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