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Zwischen Klischee und Realität – ein persönlicher Blick auf die Darstellung von Autismus in den letzten 30 Jahren


Dipl. Psych. Petra Bühler
Dipl. Psych. Petra Bühler

Als ich Anfang der 2000er Jahre ein kleines Essay „Autismus- ein untrennbarer Teil von mir“ in der Zeitschrift des Vereins Autismus Rhein Main e.V. veröffentlichte, war mir nicht klar, welche Präsenz das Thema „Autismus“ im Laufe der Zeit in den Medien und der Gesellschaft einnehmen würde.


Autismus und das Bild von „Rain Man“


In den 1990er Jahren habe ich begonnen als Therapeutin für „autistische Menschen“, wie man damals sagte, zu arbeiten. Ich steckte zu dieser Zeit noch in meiner Ausbildung und war dabei, meine therapeutische Haltung, am liebsten im humanistischen Sinne, zu entwickeln. Das hervorragende Team im Autismus-Therapieinstitut in Langen bot eine ausgezeichnete Basis, sich selbst und die therapeutische Beziehung zu Klienten und Klientinnen im Autismus-Spektrum zu reflektieren.

In den vielen Teamsitzungen, Supervisionen, Therapiestunden sowie Angehörigengesprächen wurde mir klar, dass die Präsenz, die unmittelbare und authentische Begegnung mit meinem Gegenüber,  durch nichts zu ersetzen war – durch keine Methode oder das Anstreben von Therapiezielen (meist durch Dritte eingefordert). Um hier meinen geschätzten und mittlerweile leider verstorbenen Kollegen Harald Wellenreiter zu zitieren: „Die Therapie ist erfolgreich, wenn unsere Klienten mit wehenden Fahnen zu uns in die Stunde kommen.“. Damit meinte er, dass eine Therapie dann erfolgreich ist, wenn Klient:innen mit Freude und positiver Erwartung in den Kontakt mit einer anderen Person treten und ein konstruktiver Austausch und somit auch Entwicklung stattfindet.

Unterstützt wurde damals diese Haltung durch den Film „Rain Man“ mit Dustin Hoffmann (Raymond) und Tom Cruise (Charlie), in dem die Geschichte zweier Brüder erzählt wird, von dem der eine, Raymond, im Autismus-Spektrum ist und der andere, Charlie, ein etwas oberflächliches Leben führt. Charlie konnte sich durch die intensive Begegnung mit seinem neurodiversen Bruder Raymond in seiner Persönlichkeit zu seinem Vorteil, wie ich finde, weiterentwickeln.

Ein berührender Film, der einem breiten Publikum zu jener Zeit das Phänomen „Autismus“ ein ganzes Stück nähergebracht hatte. Aber eben auch etwas einseitig. Dustin Hoffmann verkörpert in dem Charakter Raymond auf ganz einfühlsame Weise viele Eigenschaften, die oft bei Menschen im Autismus-Spektrum zu finden sind: ein fotografisches Gedächtnis, Schwierigkeiten, eigene Gefühle zu benennen oder sie bei anderen wahrzunehmen, Beharren auf Gleichförmigkeit und profundes Wissen bei Spezialinteressen, um einige zu nennen. Raymond bleibt aber ein Mensch, der sich am Rande der Gesellschaft bewegt und durch sein skurriles Auftreten sofort als „irgendwie anders“ auffällt.

 

Autism at work


Das Unternehmen SAP rief im Jahr 2013 ein Programm zur Unterstützung für Menschen im Autismus-Spektrum ins Leben. Soweit ich es verstanden habe, sollten Arbeitsbedingungen, angefangen vom Bewerbungsgespräch über die Gestaltung des Arbeitsplatzes bis zur hochspezialisierten fachlichen Arbeit so gestaltet werden, dass Personen im Spektrum mit all ihren Fähigkeiten auf dem Ersten Arbeitsmarkt fair entlohnt werden. Sicher gab es auch hierbei Rückschläge und Missverständnisse, aber ein Ansatz von Unterstützung und weniger Anpassungsdruck war durchaus erkennbar.

In meiner Arbeit mit Menschen im Spektrum musste ich leider immer wieder die Erfahrung machen, dass trotz Gleichstellung und unternehmerischer sowie psychologischer Bemühungen die Hürden bei der Integration bzw. Inklusion oft unüberwindbar sind. Schon in der Schule angefangen erfahren neurodiverse Menschen öfter Ausgrenzung statt Inklusion. Dies setzte sich bei späteren Arbeitgebenden häufig fort. Oft konnte und kann von Unterstützung keine Rede sein. Und ja, ich gebe selbst zu, dass ich oft an die Grenzen meiner Geduld oder an meine eigene Hilflosigkeit gerate, wenn ich Verhaltensweisen bei neurodiversen Menschen nicht verstehen kann oder meine persönlichen Normvorstellungen implizit in Frage gestellt werden. Ich stellte mir immer wieder die Frage ob, manche Gräben einfach unüberwindbar sind.


Können die Medien hilfreich sein?


Zunächst fing ich an, wie vor 30 Jahren eher üblich, Bücher zu lesen. Vor allem faszinierten mich biografisch inspirierte Werke. So zum Beispiel „Buntschatten und Fledermäuse“ von Axel Brauns (2004) oder „The Curious Incident of the Dog in the Night-Time“ von Mark Haddon (2003). Etwas später las ich “Das Rosie-Projekt“ von Graeme Simsion (2013). Ich konnte trotz meiner schon vorhandenen „guten Haltung“ durch das Einlesen in die Gedanken- und Gefühlswelt der Autor:innen meine blinden Flecken etwas ausleuchten und dann auch gnädiger mit meiner eigenen Ungeduld umgehen. Und siehe da: auch meine Klient:innen im Autismus-Spektrum waren nachsichtiger mit mir geworden, wenn ich ganz präsent mein Unverständnis für ihre Neurodiversität oder meine Hilflosigkeit ansprechen konnte.

Über die US-Adaption der Serie „The Good Doctor” zwischen 2017 und 2024 von David Shore und Daniel Dae Kim und  der Netflix-Serie „Atypical“ von Robia Rashid aus 2017 bis zur australischen Dating-Platform „Love on the Spectrum“ (Northern Pictures, Australia, 2019) werden Menschen mit Autismus zwar mit einer liebenswerten Schrulligkeit dargestellt, was durchaus einen Unterhaltungswert hat, allerdings auch die Gefahr einer Bagatellisierung der alltäglichen Schwierigkeiten von Menschen im Spektrum birgt. Und eine Dating-Doku, egal wie neurotypisch oder neurodivers, ist eben doch immer etwas inszeniert.

Durch den Hinweis meiner Tochter bin ich auf Social Media Formate wie TikTok und YouTube aufmerksam geworden. Die Content Creator im Spektrum und ihre Familien und Freunde erreichen ein großes Publikum, so zum Beispiel „Willy und Tracy“ auf TikTok, zwei Schwestern, die unglaublich viel Spaß miteinander haben, oder „AYO-Castrokids“ (ebd.), eine Mutter mit Kindern im Spektrum, die kleine Erfolge im Alltag feiert. Sie machen sichtbar, was vor 30 Jahren eher mit einem Gefühl der Peinlichkeit hinter den eigenen vier Wänden versteckt wurde. Sich so der Öffentlichkeit mit ganz persönlichen Erfahrungen preiszugeben erfordert auch Mut. Man ist auf Gedeih und Verderb direkt den Kommentaren ausgesetzt, welche in jede Richtung ein objektives Bild verzerren können, je nachdem, in welchem Algorithmus man sich so bewegt. Diese mediale Präsenz als Reaktion auf Selbstoffenbarung kann schon ganz schön überfordern. Es besteht aber auch die Chance auf ein besseres Verständnis und ein respektvolles und wertschätzendes Aufeinanderzugehen, ganz im besten humanistischen Sinne.


Autismus – eine Superkraft?


Nicht wenige Menschen in der Öffentlichkeit bezeichnen sich selbst als dem Autismus-Spektrum zugehörig. Elon Musk soll sich selbst diese „Superkraft Autismus“ zuschreiben, auch Greta Thunberg oder der Schöpfer von Pokémon, Satoshi Tajiri, seien Autisten und haben Großes bewirkt. Bei anderen wiederum wird spekuliert, wie zum Beispiel bei Bill Gates, Albert Einstein oder Mark Zuckerberg. Ob deren Wirken mit der neurologischen Entwicklungsstörung Autismus zusammenhängt, sei dahingestellt. Vielleicht waren es auch andere Eigenschaften ihrer Persönlichkeit, wie Intelligenz, Durchsetzungskraft sowie Fantasie und Beharrlichkeit, die so einiges, ob positiv oder negativ bewertet, in Bewegung gebracht haben.

Die Berichterstattung über ihr Wirken zeigt einer breiten Öffentlichkeit, dass Menschen im Spektrum wertvolle Dinge und bedenkenswerte Ideen in die Gesellschaft einbringen können. Besonders diesen Satz möchte ich vor dem Hintergrund der folgenden kleinen Anekdote hervorheben: Als ich einmal als junge Therapeutin einer Grundschulrektorin gegenübersaß, die mir erklären wollte, dass mein Klient NICHTS in die Klassengemeinschaft einbringen könne, war ich damals einfach nur sprachlos. Durch das konstruktive Bild von Menschen mit Autismus, das heute durch die Medien transportiert wird, hoffe ich, dass sie mittlerweile ihre Meinung geändert hat!

Allerdings wird es auch heute den meisten Menschen im Spektrum wahrscheinlich eher so ergehen, dass sie an die Grenzen des Verstehens von neurotypischen Menschen geraten - und umgekehrt, mit allen daraus entstehenden Missverständnissen und Schwierigkeiten.

Die große Herausforderung wird auch in Zukunft darin bestehen, uns als Individuen zu respektieren, mit unseren Defiziten, Ressourcen, Zweifeln und Unterschiedlichkeiten. Es wäre so hilfreich, wenn wir uns immer wieder in unserer authentischen Präsenz gegenübertreten, direkt oder medial.

Für jede dieser bereichernden direkten Begegnungen möchte ich an dieser Stelle meine Dankbarkeit ausdrücken. Doch die Zeiten haben sich gewandelt: Einblicke in die Lebenswelten von anderen Menschen und die Übertragung auf mein eigenes persönliches Erleben kann mittlerweile auch, zumindest teilweise, digital stattfinden.

Und wenn man sich mal von richtig guter Laune anstecken lassen möchte, dann empfehle ich „Chloé Hayden, autistische Freude ist Magie“ auf TikTok!


Petra Bühler (1968) ist Diplompsychologin, Psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis in Frankfurt am Main sowie Ausbilderin und Supervisorin. Von 1996 bis 2008 arbeitete sie als Therapeutin im Autismus-Therapie Institut in Langen und hat ihre Leidenschaft für Menschen im Autismus-Spektrum bis heute nie verloren.

 






 
 
 

AutismusSpektrum.info

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