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Autismus neu verstehen: Gefangen zwischen Überwältigung und Kontrolle – „zu viel“ und „zu wenig“


Melanie Matzies-Köhler
Dr. Philippe Stöckli

Trauma und Bindung sind Themenbereiche, die im Leben vieler Autisten eine zentrale Rolle einnehmen. Die enorme Reizoffenheit und Intensität in der Wahrnehmung machen autistische Menschen besonders vulnerabel für Erfahrungen der (konstanten) Überwältigung und Trauma. Darüber hinaus stellt die Andersartigkeit im sozialen Miteinander eine weitere potenzielle Angriffsfläche dar – Betroffene haben ein stark erhöhtes Risiko, sozial ausgeschlossen, stigmatisiert oder missbraucht zu werden. Selbst wenn sich das Umfeld freundlich und respektvoll verhält, müssen Autistinnen in einer nicht für sie konzipierten Welt leben. Das ist anstrengend, unfair und bringt einen an die Grenzen – und es zehrt an den persönlichen Energiereserven.

So sehen sich viele Betroffene häufig mit einer kognitiven, emotionalen und energetischen Überlastung konfrontiert. Diese entsteht durch die konstante Anpassungsleistung, die geleistet werden muss, um sich in einer verwirrenden Welt zu orientieren, zu übersetzen, herauszufinden, was das erwartete Verhalten in einer bestimmten Situation wäre und so weiter und so fort. In diesem Zusammenhang möchte ich folgende Hypothese formulieren:


„Viele Autisten sind in einer chronifizierten Traumareaktion gefangen. Diese kann sich in Form von Rigidität, Überaktivierung, Dissoziation oder (Ver-)Bindungsverlust manifestieren.“

Rigidität


Wir alle kennen die Schockreaktion des Zusammenzuckens: Sämtliche Muskeln spannen sich an, die Schultern gehen hoch, der Kopf wird eingezogen, et cetera. Diese reflexartige Schutzhaltung hat Ähnlichkeiten mit der anhaltenden Rigidität, welche nach Traumata eintreten kann. Man versucht, das überwältigende Element festzuhalten, Kontrolle zurückzugewinnen und die intensiven Emotionen zu stoppen. Als chronifizierte Traumareaktion kann sich Rigidität im Denken, im Körper, in Verhaltensmustern oder in einer emotionalen Rigidität zeigen. Als Konstriktion schränkt sie den Fluss von Informationen im Körper ein und damit auch die Lebensenergie. Der Körper tauscht sozusagen Lebensenergie – die als überwältigend wahrgenommen wird – für rigide Kontrolle ein. Dieser Gegensatz zwischen „zu viel“ und „zu wenig“ Information charakterisiert Autismus bis hinunter auf die neurobiologische Ebene, wo von einer Über- respektive Unterkonnektivität gesprochen wird (Im, 2016).


Überaktivierung


In der Traumaliteratur wird die posttraumatische Belastungsstörung in zwei Typen unterteilt: einen überaktivierten Typ und einen dissoziativen Typ (Lanius et al., 2010; Nicholson et al., 2020). Natürlich existieren in der Realität alle denkbaren Zwischenformen. Während der überaktivierte Typ eher einer regulären PTBS entspricht, zeigt sich der dissoziative Typ eher bei komplexen und frühen Traumata (Nijenhuis et al., 1998; Wolf et al., 2012). Sowohl in meiner klinischen Praxis als auch in der Autismusforschung (z. B. Im, 2016) mehren sich die Hinweise, dass auch im Autismus-Spektrum eine solche Unterteilung viel Sinn machen könnte – ein Subtyp, der eher zu Überaktivierung tendiert, im Gegensatz zu Menschen, die eher zu Dissoziation neigen.

Eine Tendenz des autonomen Nervensystems zur Überaktivierung bedeutet nichts anderes, als dass der Sympathikus überaktiviert ist und sich die Person überhäufig in einer Handlungsaktivierung befindet. Dies klingt zunächst nicht so schlimm, doch Betroffene nehmen es eher als einen Zwang wahr, immer aktiv sein zu müssen und nie zur Ruhe zu kommen. Symptome wie Gedankenrasen, Anspannung, Schlafprobleme, ADHS-ähnliche Schwierigkeiten mit exekutiven Funktionen wie Konzentration, Organisation oder Impulsivität sind nur einige der möglichen Manifestationen.


Dissoziation oder Unteraktivierung


Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die – oft schon als Kleinkinder – gelernt haben, in eine dissoziative Selbstentfremdung, einen Erstarrungszustand (Freeze) zu fallen. Dies kann beispielsweise geschehen, wenn man ein kleines Kind lange schreien lässt, anstatt es zu trösten. Grundsätzlich reagiert das Nervensystem dann mit Dissoziation, wenn etwas zu überwältigend ist und weder Verteidigung noch Flucht möglich sind. Es kann also auch bei Reizüberflutung passieren, beispielsweise in einem Restaurant oder bei einem sozialen Event, bei dem weder Verteidigung noch Flucht möglich ist.

Soweit stellt diese Reaktion auch eine nützliche Schutzfunktion dar. Diese wird dann pathologisch, wenn sie zur präferierten und reflexartig einsetzenden Hauptreaktion auf Stress wird beziehungsweise wenn eine parasympathische Beruhigung nicht mehr möglich ist und Menschen nicht mehr „runterfahren“ können. Typische Anzeichen einer Unteraktivierung sind Orientierungslosigkeit, innere Leere, Alexithymie (erschwerter Zugang zu Emotionen), rigide Mimik, Gestik und Stimme sowie Erschöpfung, Hoffnungslosigkeit oder Depression. Manchmal sieht dieser Zustand zwar nach Ruhe und Entspanntheit aus, fühlt sich aber innerlich entfremdet und leer an. Eine Kombination der beiden Muster ist bei Autistinnen sehr häufig zu finden: Viele Betroffene kippen zwischen Über- und Unteraktivierung hin und her, ohne dass eine wirkliche Beruhigung eintritt.


(Ver-)Bindungsverlust


Die letzte Reaktion auf Trauma, die hier erwähnt werden soll, ist der Verlust der Verbindung zur eigenen Person und zu den Mitmenschen. Im Zuge des autonomen Schutzprogramms schaltet der Körper von einem Verbindungs-Modus auf einen Schutz- oder Überlebens-Modus um. Letzterer bringt die schwerwiegende Folge des Orientierungsmangels mit sich. Wer sich nicht orientieren kann, ist irgendwie verloren und wie im Blindflug. Dies führt zu Unsicherheit und Angst – und ist mitunter ein Grund für die vielfältigen Kompensationsversuche von Autisten, sich anderweitig zu orientieren, beispielsweise durch Vorausplanen, Kontrolle, Analysen, Routinen oder Vermeidung. Der Orientierungsmangel im Innen und Außen verstärkt zudem die autistischen Symptome und die sozialen Verständnisschwierigkeiten. So finden sich viele ASS-Betroffene in einem Teufelskreis wieder, der im schlimmsten Fall in Erschöpfung oder komplettem Rückzug endet. Doch es gibt Hoffnung.


Mögliche Auswege

Dr. Philippe Stöckli: Autismus, Trauma und Bindung – Neue Wege zu Regulation und Verbindung
Dr. Philippe Stöckli: Autismus, Trauma und Bindung – Neue Wege zu Regulation und Verbindung

In meinem Buch «Autismus, Trauma und Bindung – neue Wege zu Regulation und Verbindung» zeige ich diese Zusammenhänge und mögliche Auswege systematisch auf. Beispielsweise führt ein Weg über die Selbstexploration zu einer schrittweisen Selbstoffenbarung und Öffnung hin zu mehr Selbstakzeptanz und einem authentischeren Selbst – im Grunde eine De-Maskierung. Ein anderer Weg, für den es kundige therapeutische Begleitung benötigt, führt über eine körperliche Selbstannäherung zu mehr Regulation und Verbundenheit nach innen.

Beide Wege sind längerfristige Unterfangen, die viel Sicherheit und ein freundlich zugewandtes Gegenüber erfordern. In diesem Sinne bildet Bindung den heilenden und unterstützenden Aspekt in diesem Verwandlungsprozess aus der chronifizierten Traumareaktion heraus in eine lebendige Verbundenheit: Erst wenn man sich mit einem freundlich gesinnten Gegenüber als akzeptiert und sympathisch erlebt, können sich innere Schutzmechanismen wieder aufweichen und neu formieren. Dieses Vertrauen aufzubringen, ist für viele verständlicherweise eine riesige Hürde. Letzten Endes muss jede Person dem eigenen Bauchgefühl vertrauen lernen, was sich für einen selbst als sicher genug anfühlt. Mit dem Buch möchte ich Betroffenen Mut machen, es immer wieder zu versuchen – denn es lohnt sich!


Dr. phil. Philippe Stöckli ist Psychologe und pensionierter Jazzsaxophonist. Er arbeitet als eidgenössisch anerkannter Psychotherapeut, Lehrtherapeut und Supervisor für Gestalttherapie in eigener Praxis in Zürich. Als ausgebildeter Gestalttherapeut ist er spezialisiert auf Psychotraumatologie (u. a. EMDR, NARM, Ego-State-Therapie, Somatic Experiencing). Weitere Schwerpunkte seiner Arbeit liegen in den Bereichen Autismus, ADHS, Hochsensibilität und Körpertherapie. Zudem leitet er klinische Seminare und hält Vorträge zu den Themen Autismus und Trauma.

 

Quellen:


Im, D. S. (2016). Trauma as a Contributor to Violence in Autism Spectrum Disorder. The journal of the American Academy of Psychiatry and the Law, 44(2), 184–192.

Lanius, R. A., Vermetten, E., Loewenstein, R. J., Brand, B., Schmahl, C., Bremner, J. D. & Spiegel, D. (2010). Emotion Modulation in PTSD: Clinical and Neurobiological Evidence for a Dissociative Subtype. The American Journal of Psychiatry, 167(6), 640–647.

Nicholson, A. A., Ros, T., Densmore, M., Frewen, P. A., Neufeld, R. W. J., Theberge, J., Jetly, R., & Lanius, R. A. (2020). A randomized, controlled trial of alpha-rhythm EEG neurofeedback in posttraumatic stress disorder: A preliminary investigation showing evidence of decreased PTSD symptoms and restored default mode and salience network connectivity using fMRI. NeuroImage. Clinical, 28, 102490.

Nijenhuis, E. R. S., Spinhoven, P. van Dyck, R., van der Hart, O. & Vanderlinden, J. (1998). Degree of Somatoform and Psychological Dissociation in Dissociative Disorder Is Correlated with Reported Trauma. Journal of Traumatic Stress, 11(4), 711–730.

Wolf, E. J., Lunney, C. A., Miller, M.W., Resick, P. A., Friedman, M. J.&Schnurr, P. P. (2012). The Dissociative Subtype of PTSD: A Replication and Extension. Depression and Anxiety, 29(8), 679–88.






 
 
 

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