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Auf dem Spektrum: Transgeschlechtlichkeit und Autismus


Lena Herrmann
Lena Herrmann

Serien wie „Liebe im Spektrum” (zu sehen bei Netflix) verdeutlichen, dass das Autismus-Spektrum nicht nur hinsichtlich seiner unterschiedlichen Ausprägungen und Erscheinungsbilder vielfältig ist, sondern dass Autist:innen häufig auch Vielfalt an geschlechtlichen und sexuellen Identitäten, Erlebens- und Verhaltensweisen aufweisen. In diesem Artikel wird eine kurze Übersicht der Studienlage zur Überschneidung von Autismus und einer möglichen geschlechtlichen Identität, nämlich der Transgeschlechtlichkeit, gegeben, verschiedene Erklärungsansätze hierzu aufgeführt und kurz auf das Thema der sexuellen Vielfalt bei Autismus eingegangen.


Transgeschlechtlichkeit, Geschlechtsinkongruenz oder Geschlechtsdysphorie


Begriffe wie transgender oder transgeschlechtlich beschreiben ein Spektrum von Personen, die sich nicht mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurden, identifizieren. Im Gegensatz dazu werden Personen, die sich mit ihrem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren, übrigens als cisgeschlechtlich bezeichnet. Die Nicht-Übereinstimmung von Geschlechtsidentität und zugewiesenem Geschlecht bei transgeschlechtlichen Personen wird auch als Geschlechtsinkongruenz bezeichnet. Geht mit dieser Geschlechtsinkongruenz ein klinischer Leidensdruck einher, wird dies im klinischen Kontext als Geschlechtsdysphorie definiert.


Gemeinsames Auftreten von Geschlechtsdysphorie, Autismus und deren Ausprägungen auf dem Spektrum


Nur wenige Menschen in der Allgemeinbevölkerung werden jeweils mit einer Geschlechtsdysphorie (ca. 0.0046%) oder einer sogenannten Autismus-Spektrum-Störung (ca. 1%) diagnostiziert (Arcelus et al., 2015; Zeidan et al., 2022). Das gemeinsame Auftreten beider Diagnosen sollte daher eigentlich eher unwahrscheinlich sein. Viele aktuelle Studien berichten jedoch, dass eine Diagnose der Geschlechtsdysphorie etwas häufiger bei Menschen mit diagnostiziertem Autismus als bei nicht-autistischen Menschen gestellt wird und auch andersherum. So geht aus Studien hervor, dass ca. 3 bis 26% der Menschen mit einer vordergründigen Diagnose der Geschlechtsdysphorie zusätzlich eine Autismus-Diagnose und 0.02% der Personen mit einer Autismus-Diagnose eine Diagnose der Geschlechtsdysphorie erhalten (Herrmann et al., 2020, 2021; Kallitsounaki & Williams, 2022; Thrower et al., 2020). Die Forschungsarbeiten legen somit einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten der beiden Phänomene nahe.

Das erhöhte gemeinsame Auftreten zeigt sich jedoch nicht nur bei beiden Diagnosen, sondern auch oder vor allem auf dem Spektrum beider Phänomene: So identifizieren sich autistische Personen im Vergleich zu nicht-autistischen Personen häufiger als transgeschlechtlich oder berichten von gendervariantem Erleben oder Verhalten, spielen also z.B. mit Geschlechterrollen, ohne sich als transgeschlechtlich zu identifizieren. Andersherum weisen transgeschlechtliche Personen und solche mit einer Diagnose der Geschlechtsdysphorie häufiger als cisgeschlechtliche Menschen sogenannte autistische Züge auf, d.h. sie zeigen typisch autistische Erlebens- und Verhaltensweisen, ohne dass eine Autismus-Diagnose vorliegen muss (für nähere Informationen, siehe Herrmann et al., 2020).


Kritik an den Studien: Die Studien zur Häufigkeit des gemeinsamen Auftretens werden jedoch aus verschiedenen Gründen kritisiert. So untersuchen viele dieser Studien das gemeinsame Auftreten in Spezialsprechstunden für Geschlechtsdysphorie, was mit einer sehr ausgewählten Stichprobe und einer Verzerrung der Ergebnisse (Überschätzung des gemeinsamen Auftretens) einhergehen könnte. Viele aktuelle Studien begegnen jedoch diesen Limitationen und untersuchen das gemeinsame Auftreten beispielsweise in der Allgemeinbevölkerung (Kallitsounaki & Williams, 2022).


Erklärungsansätze für das gemeinsame Auftreten


Für das erhöhte gemeinsame Auftreten werden verschiedene Erklärungsansätze in der Literatur diskutiert. Hierbei handelt es sich um Theorien, die nicht etwa das gemeinsame Auftreten der Phänomene bei einem bestimmten Individuum erklären sollen, sondern allgemeiner versuchen, Ursachen für das gehäufte gemeinsame Auftreten zu beschreiben.

Biologische Theorien: Für Geschlechtsdysphorie/Transgeschlechtlichkeit und Autismus/autistische Züge gibt es verschiedene biologische Faktoren, die ein Auftreten wahrscheinlicher machen. Einige dieser biologischen Faktoren teilen sich beide Phänomene. So geht aus ersten wenigen Studien hervor, dass ein erhöhtes Geburtsgewicht sowohl mit Geschlechtsdysphorie/ Transgeschlechtlichkeit als auch mit Autismus/ autistischen Zügen zusammenhängen könnte.

Psychologische Theorien: Auch verschiedene autistische Erlebens- und Verhaltensweisen könnten dazu beitragen, dass Autist:innen häufiger eine Diagnose der Geschlechtsdysphorie erhalten. Beispielsweise könnten sensorische Präferenzen, die typisch für Autismus sind, vor allem bei Männern oder Personen mit männlichem Zuweisungsgeschlecht den Zusammenhang zwischen beiden Phänomenen beeinflussen. So sind z.B. weiche, glitzernde Materialen oder auch lange Haare sensorisch interessant und werden gleichzeitig eher mit typisch „weiblichen“ Kleidungsstücken und äußerem Erscheinungsbild in Verbindung gebracht. Ein Bedürfnis, sich dementsprechend zu kleiden und zu „stylen“, könnte daher als Gendervarianz interpretiert werden. Diese Theorie unterschätzt aber natürlich den extremen Leidensdruck und das starke innere Zugehörigkeitsgefühl zu einem Geschlecht, das die meisten transgeschlechtlichen Personen äußern.

Soziologische Theorien: Eine soziologische Theorie ist, dass Autist:innen weniger empfänglich für gesellschaftliche Vorurteile sind oder – in anderen Worten – sich unabhängiger von gesellschaftlichen Normen und Werten entwickeln als neurotypische/nicht-autistische Personen. Diese Ressource könnte wiederum die Bewusstwerdung der eigenen Geschlechtsidentität (inneres Coming-out), aber auch das Auftreten in einer anderen Geschlechtsrolle (äußeres Coming-out) bei transgeschlechtlichen Autist:innen begünstigen (eine Übersicht zu den verschiedenen Theorien findet sich bei Wattel et al., 2022).

Zusammenfassend ist die empirische Grundlage für die unterschiedlichen Erklärungsansätze dünn. Vermutlich kann, wie fast immer bei der Entstehung von psychischer und menschlicher Entwicklung, ein Zusammenspiel der verschiedenen Faktoren am ehesten das gemeinsame Auftreten von Geschlechtsdysphorie/Transgeschlechtlichkeit und Autismus/autistischen Zügen erklären.


Ausblick: Autismus und sexuelle Vielfalt


Neben der Überschneidung von Autismus mit Geschlechtsdysphorie/Transgeschlechtlichkeit zeigt die Forschung auch, dass sich Autist:innen im Vergleich zu neurotypischen/nicht-autistischen Personen häufiger nicht-heterosexuell, also z.B. lesbisch, schwul oder bisexuell orientieren oder identifizieren (Turner et al., 2017). Auch wenn auf diesen Aspekt in dieser kurzen Übersicht nicht näher eingegangen werden kann, verdeutlichen solche Ergebnisse, dass das Autismus-Spektrum nicht nur in sich vielfältig ist, sondern Autist:innen auch häufiger als die Allgemeinbevölkerung eine geschlechtliche und sexuelle Vielfalt aufweisen.

Beachtet werden sollte dabei unbedingt: Für autistische Menschen kann die Zugehörigkeit zu gleich mehreren Minderheitengruppen, d.h. zu einer neurologischen (Autismus) und geschlechtlichen (Transgeschlechtlichkeit) und/oder sexuellen Minderheit (z.B. Homosexualität), mit Diskriminierungserfahrungen und psychischen Belastungen verbunden sein. Mit dieser sogenannten Intersektionalität können auch negative Erfahrungen im Gesundheitswesen einhergehen. Ein Ernstnehmen des (Identitäts-)Erlebens und eine Unterstützung bei diesen möglichen Herausforderungen ist von Angehörigen und Behandelnden deshalb unbedingt gefordert.

Abschließend ein paar Gedanken von Diane Ehrensaft (2018) zur Fluidität vom Geschlechtsidentitätserleben:

Nicht jede Person mit einer Autismus-Diagnose wird geschlechtsexpansiv [transgeschlechtlich oder genderqueer] sein, aber es könnte uns guttun, das herauszufinden und uns generell daran zu erinnern, dass Geschlecht ein fließendes Konzept ist, das unterschiedlich erlebt und ausgedrückt werden kann, je nachdem, ob man neurodivers oder neurotypisch ist.

Unterstützungsangebote


Wenn Sie das Gefühl haben, dass die beschriebenen Erlebensweisen (in Bezug auf die Transgeschlechtlichkeit oder Geschlechtsdysphorie) auf Sie zutreffen, können Sie sich an eine Spezialsprechstunde wenden, z.B. in Hamburg im Kindes- und Jugendalter an die „Hamburger Spezialsprechstunde für Geschlechtsidentität, Sexuelle Identität, Geschlechtsdysphorie und Transgender im Kindes- und Jugendalter“ oder im Erwachsenenalter an die „Spezialambulanz für Sexuelle Gesundheit und Transgender-Versorgung“.


Zusammenfassung


Aktuelle Forschungsarbeiten sprechen für ein erhöhtes gemeinsames Auftreten von Geschlechtsdysphorie/Transgeschlechtlichkeit (oder geschlechtlicher und sexueller Vielfalt) und Autismus/autistischen Zügen. Weshalb die beiden Phänomene häufig gemeinsam auftreten, ist jedoch noch unzureichend erforscht.


Lena Hermann ist Psychologin (M.Sc.) und promoviert am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf zu Transgeschlechtlichkeit im Kindes- und Jugendalter. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin ist sie im Projekt zu „Geschlechter- und Neuro-Diversität im Kindes- und Jugendalter“ an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie tätig."




Quellen

Arcelus, J., Bouman, W. P., Van Den Noortgate, W., Claes, L., Witcomb, G., & Fernandez-Aranda, F. (2015). Systematic review and meta-analysis of prevalence studies in transsexualism. European Psychiatry, 30(6), 807 – 815. https://doi.org/10.1016/j.eurpsy.2015.04.005

Baron-Cohen, S. (2002). The extreme male brain theory of autism. Trends in Cognitive Sciences, 6(6), 248–254. https://doi.org/10.1016/S1364-6613(02)01904-6

Ehrensaft, D. (2018). Double helix rainbow kids. Journal of Autism and Developmental Disorders, 48(12), 4079 4081. https://doi.org/10.1007/s10803-018-3716-5

Herrmann, L., Bindt, C., Schweizer, K., Micheel, J., Nieder, T. O., Haaß, J., Schöttle, D. & Becker-Hebly, I. (2020). Autismus-Spektrum-Störungen und Geschlechtsdysphorie bei Kindern und Jugendlichen: Systematisches Review zur gemeinsamen Prävalenz. Psychiatrische Praxis, 47(6), 300 – 307. https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/abstract/10.1055/a-1148-4873

Herrmann, L., Bindt, C., Fahrenkrug, S., Schweitzer, J., Schulte-Markwort, M., Barkmann, C., & Becker-Hebly, I. (2021). Autismus-Spektrum-Störungen in einer Spezialsprechstunde für Geschlechtsdysphorie: Wie häufig kommt eine Doppeldiagnose vor und was bedeutet die gemeinsame Prävalenz für eine Behandlung? Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 49(4), 259 – 271. https://econtent.hogrefe.com/doi/full/10.1024/1422-4917/a000805

Kallitsounaki, A., & Williams, D. M. (2022). Autism Spectrum Disorder and Gender Dysphoria/Incongruence. A systematic Literature Review and Meta-Analysis. Journal of Autism and Developmental Disorders.https://doi.org/10.1007/s10803-022-05517-y

Thrower, E., Bretherton, I., Pang, K. C., Zajac, J. D., & Cheung, A. S. (2020). Prevalence of autism spectrum disorder and attention-deficit hyperactivity disorder amongst individuals with gender dysphoria: a systematic review. Journal of Autism and Developmental Disorders, 50(3), 695-706. https://doi.org/10.1007/s10803-019-04298-1

Wattel, L. L., Walsh, R. J., & Krabbendam, L. (2022). Theories on the Link Between Autism Spectrum Conditions and Trans Gender Modality: a Systematic Review. Review Journal of Autism and Developmental Disorders. https://link.springer.com/article/10.1007/s40489-022-00338-2

Turner, D., Briken, P., & Schöttle, D. (2017). Autism-spectrum disorders in adolescence and adulthood: focus on sexuality. Current Opinion in Psychiatry, 30(6), 409 – 416. https://doi.org/10.1097/YCO.0000000000000369

Zeidan, J., Fombonne, E., Scorah, J., Ibrahim, A., Durkin, M. S., Saxena, S., ... & Elsabbagh, M. (2022). Global prevalence of autism: a systematic review update. Autism Research, 15(5), 778 – 790. https://doi.org/10.1002/aur.2696


Buch- und Podcast-Empfehlungen

Podcast: Roeb, K. Was Queerness mit Autismus zu tun hat. Willkommen im Club - Der Queere Podcast von Puls. Staffel 6, Folge 62. https://www.br.de/mediathek/podcast/willkommen-im-club-der-queere-podcast-von-puls/was-queerness-mit-autismus-zu-tun-hat-1/1849139

Buch (Englisch): Mendes, E. A., & Maroney, M. R. (2019). Gender identity, sexuality and autism: Voices from across the spectrum. Jessica Kingsley Publishers.


2 commenti


Von Transsexualität bin ich selbst nicht betroffenen, sehe aber den Themenkomplex rund um die Verbindung mit Autismus nicht als so spektakulär an, wie es heute oft dargestellt wird. Es ist ja bekannt, dass Autismus im Erwachsenenalter selten in „Reinform“ auftritt, sondern fast immer von psychischen Co-Erkrankungen / Co-Auffälligkeiten begleitet wird. Dass man bei Autisten auch vermehrt Auffälligkeiten in der sexuellen Identität findet, finde ich von daher nicht verwunderlich, sondern naheliegend und erwartbar. Ich sehe das eher nüchtern und bin mir nicht sicher, ob hier überhaupt ein besonderer Forschungsbedarf besteht, denn sowohl Transsexualität wie auch Autismus sind ja bereits im öffentlichen Bewusstsein angelangt.

Ein Gedanke noch, was die „Zugehörigkeit zu gleich mehreren Minderheitengruppen“ angeht: Ja, das kann von besonderer Belastung sein…

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Der Absatz zu den soziologischen Theorien erscheint mir merkwürdig, denn was hat die Empfänglichkeit für soziale Geschlechternormen mit Geschlechtsdysphorie zu tun? Laut dieser Formulierung wäre entweder das Kongruenzgefühl mit den angeborenen Geschlechtsmerkmalen eine Geschlechternorm die erlernt wird oder Geschlechtsdysphorie eine Folge von dem nicht einordnen können in Geschlechternormen. Ersteres würde dem Konsens in der Wissenschaft widersprechen, dass Geschlechtsdysphorie angeboren ist, letzteres würde im Widerspruch stehen mit geschlechtsangleichenden Maßnahmen zur Behandlung der Geschlechtsdysphorie.

Der darauf folgende Ansatz, dass das "Rausfallen" aus der Geschlechternorm ein Coming-Out erleichtert und damit den Anteil autistischer Menschen an den Spezialambulanzen erhöht, müsste sich doch in der Entwicklung der Zahlen widerspiegeln. Dadurch dass das Thema Transgeschlechtlichkeit beinahe omnipräsent ist und ein nicht-einhalten von Geschlechternormen zu großen Teilen…

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