Wunschdiagnose bzw. Modediagnose "Autismus" bei Erwachsenen


Prof. Dr. med. Matthias Dose

Ungefähr 3.950.000 Ergebnisse (in 0,67 Sekunden) – so die „Antwort“ auf eine „Google“-Suche nach „Autismus“. Und – geschlossene Wartelisten bzw. Wartezeiten von sechs Monaten und länger bei auf die Diagnose von Autismus-Spektrum-Störungen bei Erwachsenen spezialisierten Stellen belegen es: Immer mehr Erwachsene mit psychischen Problemen gelangen nach Hinweisen aus ihrem sozialen Umfeld, Internet-Recherchen und besonders „Selbsttests“ im Internet zu der Überzeugung, eine Autismus-Spektrum-Störung erkläre am plausibelsten ihre Schwierigkeiten in Ausbildung, Beruf und sozialen Beziehungen, oder ganz allgemein bei der Gestaltung und Bewältigung ihres Alltags.


Autismus ist „in“?


Von Mozart über Einstein, Bill Gates bis zu Greta Thunberg – die Liste der (nach „Ferndiagnose“ oder „Selbstbekenntnis“) öffentlich als Autisten oder „Asperger/Aspies“ gehandelten Personen, die eine positive Projektionsfläche (wer wollte ihnen nicht ähnlich sein?) bieten, ist lang.

Doch autistische „Züge“, die (wie Zwanghaftigkeit, Ängstlichkeit, Selbstunsicherheit, Neigung zu affektiver Instabilität, Misstrauen etc.) neben anderen Merkmalen die Persönlichkeit eines Menschen prägen können, begründen noch lange nicht die wissenschaftlichen Kriterien entsprechende Diagnose einer „Autismus-Spektrum-Störung“ (z.B. nach der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen/ICD-10 oder dem Diagnostisch Statistischen Manual/DSM-V).

Beispielhaft ist dies anhand der Auswertung sämtlicher verfügbarer Quellen von Inge Kamp-Becker (2013) für Albert Einstein belegt worden: Zwar habe er im Bereich der sozialen Interaktion einige Schwierigkeiten im Kontakt mit Gleichaltrigen und insbesondere im Kontakt mit seinen Ehefrauen und seinen Kindern gehabt, und es gebe auch Hinweise, dass er wenig empathisch und im sozialen Kontakt gelegentlich unangemessenes Verhalten gezeigt habe. Klinisch relevante repetitive/stereotype Verhaltensweisen sind nicht bekannt, und ohne seine intensive Beschäftigung mit Themen der Physik (die bei gleichzeitig vorhandenen Interessen an Musik, Literatur, Philosophie, Politik und seinem Hobby „Segeln“ nicht das Diagnose-Kriterium der „hochgradig begrenzten, fixierten Interessen, die in ihrer Intensität oder ihrem Inhalt abnorm sind“ (DSM-V) erfüllen), gäbe es keine Relativitätstheorie.

Darüber hinaus rühmen alle Biographen Einsteins Humor und seine Eloquenz. Somit sind – wenn auch einzelne „autistische Züge“ vorhanden gewesen sein mögen – weder die Diagnosekriterien der ICD-10 noch des DSM-V (hier insbesondere die Kriterien B und D) erfüllt, und war Einstein eben (wie wahrscheinlich manch andere „Autisten“) kein Autist.


Wie konnte „Autismus“ eine „Wunschdiagnose“ werden?


Seit den 1980er Jahren verzeichnen epidemiologische Studien weltweit eine deutliche Zunahme von Autismus-Spektrum-Störungen, für die aktuell eine Prävalenz von 0,9-1,1 Prozent angenommen wird (AWMF-S3-Leitlinie). Positiv liegt dem zugrunde, dass – während früher ausschließlich schwere Verlaufsformen diagnostiziert wurden – die „dimensionale“ Betrachtung autistischer Störungen auch leichtere Formen einschließt und dass allgemein die Sensitivität bei Eltern und einschlägigen Berufsgruppen (z.B. Erzieher*- und Lehrer*innen) gegenüber möglichen autistischen Verhaltensweisen gewachsen ist. Außerdem haben (von „Rain Man“ bis zu „Big Bang Theory“ und „Dr. House“) neben zahlreichen sachlichen Dokumentationen inzwischen mehr als 50 Filme und Serien und auch die Öffentlichkeitsarbeit von Selbsthilfe- und Betroffenengruppen dazu beigetragen, eine breitere Öffentlichkeit und ein überwiegend positives Bild autistischer Störungen zu erschaffen.

Neben begrüßenswerten Effekten (Abbau von Vorurteilen; Ausbau von Hilfs- und Unterstützungsangeboten; Offenheit einiger Firmen, Menschen aus dem Autismus-Spektrum zu beschäftigen usw.) bedingt diese Entwicklung aber auch, dass manche Menschen – selbst wenn diese im Rahmen einer sorgfältigen Diagnostik ausgeschlossen wurde – ausschließlich eine Autismus-Spektrum-Störung als Erklärung ihrer psychosozialen Probleme akzeptieren können: „Seit Jahren versuche ich, die Diagnose „Autismus“ zu bekommen…bitte geben Sie sie mir..“ – kein anderes psychiatrisches Störungsbild wurde jemals bei Psychiater*innen von Erwachsenen als „Wunschdiagnose“ eingefordert und es kommt leider in der Praxis immer wieder vor, dass nach einer lediglich oberflächlichen Diagnostik (z.B. mit „Screening“- Instrumenten wie den AQ- und EQ-Fragebögen nach Baron-Cohen, deren „Autismus-Verdacht“ sich bei gründlicher Diagnostik bei weniger als 70 Prozent der Untersuchten bestätigt) diese „Wunschdiagnose“ auch vergeben wird.


Warum „Wunschdiagnosen“ schädlich sind


Das ist aber in verschiedener Hinsicht ungut, wenn nicht gar schädlich: Zum einen wird es – solange die Diagnose einer „Autismus-Spektrum-Störung“ nicht valide gestellt wird – kaum Fortschritte bezüglich der wissenschaftlichen Erforschung geben, wenn bis zu 50 Prozent der gestellten Diagnosen unzutreffend sind. Zum anderen werden Unterstützungs-, Förderungs- und Therapieangebote von Menschen beansprucht und somit „verknappt“, die für tatsächlich Betroffene dringend benötigt würden. Und letztlich werden fehlerhaft diagnostizierten „Autisten“ einschlägige Unterstützungs- und Therapiemaßnahmen vorenthalten, die für ihre tatsächliche Störung (z.B. Persönlichkeits-, Angst-, Zwangsstörungen, Depressionen oder psychotische Störungen) erfolgsversprechend vorhanden wären.


„Autismus-Spektrum-Störung“ – Diagnostik bei Erwachsenen


Im Rahmen einer sorgfältigen Diagnostik an einer (siehe dazu die S3-Leitlinie „Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-,Jugend- und Erwachsenenalter; Teil 1: Diagnostik) in der Leitlinie erklärten „spezialisierten Stelle“ kommt es neben der Erfassung der aktuellen Symptome und Beschwerden vor allem darauf an, entweder durch die Einbeziehung von Bezugspersonen, die die betreffende Person seit Kindheit und Jugend kennen, oder aber (falls es diese Bezugspersonen nicht gibt) durch die Einsichtnahme in frühere Zeugnisse (v.a. Grundschule) und Berichte (z.B. von Therapeut*innen, Kliniken, Arbeitgebern) etwas über die Kindheit und Jugend der Ratsuchenden zu erfahren: „Das fröhliche, aufgeweckte Mädchen fand rasch Anschluss an die Klassengemeinschaft, kümmerte sich liebevoll um eine schwächere Mitschülerin, nahm lebhaft und engagiert mit eigenständigen Wortbeiträgen am Unterricht teil und pflegte auch außerhalb der Schule enge Freundschaften…“ – solche Beschreibungen während der Grundschuljahre machen es höchst unwahrscheinlich, dass das „Eingangskriterium“ zu einer Autismus-Spektrum-Störung“ (Beginn in der frühen Kindheit) gegeben ist. Darüber hinaus sollten sich Untersuchte wie Untersucher darüber im Klaren (und ggf. auch bereit sein, dies zu akzeptieren) sein, dass es neben „Autismus-Spektrum-Störungen“ zahlreiche andere psychische Störungen gibt, bei denen es zu Problemen der sozialen Interaktion und Kommunikation, bzw. zu repetitiven/stereotypen Verhaltensweisen und Interessen kommen kann.

Nur mit valide gestellten Diagnosen sollten Betroffene Zugang zu den (derzeit ohnedies noch viel zu raren) Förderungs-, Unterstützungs- und Therapiemaßnahmen erhalten – die ungerechtfertigte Vergabe von „Wunschdiagnosen“ ist dafür nicht förderlich.


Prof. Dr. med. Matthias Dose, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, war Ärztlicher Direktor des »Isar-Amper-Klinikums«, Klinik Taufkirchen (Vils). Derzeit ist er in der psychotherapeutischen Aus- und Weiterbildung von Ärzten und Diplom-Psychologen tätig.

Seine Arbeitsschwerpunkte sind Psychopathologie und Diagnostik, Psychopharmakologie, Neurodegenerative Erkrankungen (z.B. Huntington-Krankheit) und Autismus-Spektrum-Störungen bei Erwachsenen.



Literatur:


Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter Teil 1: Diagnostik; abrufbar unter https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/028-018.html


Kamp-Becker, I: War Albert Einstein ein Asperger-Autist? Nervenheilkunde 2013; 32(05): 319-324


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