Was hat Wahrnehmung mit Kommunikation zu tun?


Ein Diagnosekriterium bei Autismus sind Auffälligkeiten in der Kommunikation. Diese Auffälligkeiten reichen von hoher Wortgewandtheit bis zu totaler Sprachlosigkeit. Dabei wird die Kommunikation vor allem aus der Perspektive der autistischen Person betrachtet, d.h. wie kann sie sich ausdrücken. Kann die Person sprechen, schreiben oder nutzt sie Gebärdensprache? Kann sie Mimik deuten, bildliche Sprache verstehen etc.?


Kommunikation besteht aber immer aus mindestens zwei Seiten: dem Sender und dem Empfänger. Und auch auf der Seite des nichtautistischen Empfängers kann es durchaus Schwierigkeiten und Unsicherheiten geben, wenn es um das Verstehen autistischer Kommunikation geht. Dies ganz besonders dann, wenn die autistische Person nicht spricht. Wobei die Tatsache des Sprechens allein für eine gelungene Kommunikation nicht immer ausreicht. Als Beispiel möchte ich meine eigene Tochter nennen. Tina spricht. Allerdings hat sie ein eigenes Codesystem für ihre Sprache entwickelt, welches es Außenstehenden oft schwer macht, ihre Botschaften richtig zu deuten.


Doch man kann auch ohne Ohren zuhören.


Dazu muss man lediglich einen einfachen Zusammenhang verstehen: einen Kreislauf bestehend aus drei Komponenten.

Jede der drei Komponenten, nennen wir sie Fähigkeiten, zeigt laut den internationalen Diagnosekriterien Auffälligkeiten. Doch diese Fähigkeiten stehen nicht für sich alleine. Sie sind miteinander eng verknüpft. Ihre Wechselwirkungen bringen das Individuum Mensch in seinem So-Sein hervor.



Über die Wahrnehmung:


Die Wahrnehmung von neurotypischen Menschen bewegt sich in einem bestimmten Rahmen. Das heißt, neurotypische Menschen hören, sehen, fühlen, riechen, schmecken alle ungefähr im gleichen Ausmaß. Bei autistischen Personen kann die Wahrnehmung weit über diesen Rahmen hinausgehen. Autistische Menschen können zu viel oder zu wenig wahrnehmen. Viele leiden auch unter einer Filterschwäche. Ich wähle ganz bewusst den Ausdruck „leiden“ in diesem Zusammenhang, denn eine Filterschwäche führt zu Leidensdruck bei den Betroffenen. Es gibt noch weitere Wahrnehmungsbesonderheiten, auf deren Aufzählung ich an dieser Stelle verzichte. Um den Rahmen dieses Artikels nicht zu sprengen, werde ich die wichtigsten Begriffe in nur wenigen Sätzen erklären:


Übersensible Wahrnehmung bedeutet, dass die betroffene Person Reize zu intensiv wahrnimmt, also zu laut, zu hell, zu schnell, zu heiß etc. Diese Reize werden von neurotypischen Personen oft gar nicht wahrgenommen, wie z.B. bestimmte Frequenzen.

Untersensible Wahrnehmung bedeutet, dass Reize nur schwach und vermindert wahrgenommen werden.


Bei der Filterschwäche handelt es sich um eine Störung einer wichtigen Schutzfunktion des Gehirns. Unsere Gehirne verfügen über eine Filterfunktion, die es uns ermöglicht, unwichtige Reize einfach auszublenden. Während Sie diese Zeilen lesen, nehmen sie tausend andere Dinge nicht wahr, weil Sie in diesem Moment nicht wichtig sind. Sie haben sie weggefiltert. Ist diese Filterfunktion beeinträchtigt, strömen alle Reize ungefiltert auf Ihr Gehirn ein. Dies führt zu einer unerträglichen Reizüberflutung. Konzentration und Aufmerksamkeit sind dann nicht mehr möglich.



Über das Verhalten:


Jede Wahrnehmung führt unweigerlich zu Verhalten.

Jeder Mensch verhält sich entsprechend seiner individuellen Wahrnehmung:


Die Verhaltensreaktion auf eine übersensible Wahrnehmung ist das Vermeiden der Reizquelle. Die Reaktion auf eine untersensible Wahrnehmung ist das Suchen des Reizes. Die Reaktion auf eine Filterschwäche ist zumeist Vermeiden und Rückzug. Ist dies nicht möglich, endet die Reizüberflutung oft in einem Meltdown oder Shutdown.


Autistische Personen reagieren daher oft anders als gewohnt auf Geräusche, visuelle Eindrücke, Berührung, Geschmack, Geruch, Schmerz oder Temperatur.

Man spricht oft von herausforderndem Verhalten. Darunter versteht man Verhalten, dass von anderen Menschen störend empfunden wird: Stereotypien, Weglaufen, Schreien, Schlagen, Beißen, selbstverletzenden Verhalten und vieles mehr. Diese Verhaltensweisen sind keine Anzeichen von schlechtem Benehmen oder Intelligenzmangel. Sie sind lediglich Reaktionen auf das individuelle Wahrnehmen der Umgebung. Ein Kind, das in der Schule auf die Aufforderung der Lehrperson nicht reagiert, will nicht provozieren. Es hat die Lehrperson vielleicht schlichtweg nicht gehört, weil es die anderen Umgebungsreize nicht wegfiltern konnte. Ein anderes Kind versteckt sich eventuell in der hinteren Ecke des Zimmers und macht laute Geräusche. Der Grund kann der Staubsauger sein, den die Mutter gerade eingeschalten hat. Das Kind versucht sich vor dem für ihn unerträglichen Geräusch zu schützen. Meine Tochter, längst erwachsen, beißt sich in den Unterarm, wenn sie sich sensorisch überfordert fühlt. So kann sie mit dem Schmerz im Unterarm die überfordernden Umweltreize übertönen.



Über die Kommunikation:


Jedes Verhalten ist Kommunikation.


Ein sehr bekanntes Zitat von Paul Watzlawick lautet: Man kann nicht nicht kommunizieren. Das bedeutet, dass jedes Verhalten, auch das Nichtstun, eine Botschaft birgt. Jedes Verhalten, ob angemessen oder nicht, ist eine Nachricht aus der Innenwelt einer Person.


Das Verhalten eines Menschen gibt Auskunft darüber, was er uns sagen möchte. So kann uns zum Beispiel die Verweigerung von Körpernähe sagen, dass der Geruchssinn der Person überempfindlich ist. Oder, wie oben bereits angesprochen, die Umgebungsreize im Klassenzimmer zu intensiv sind bzw. die Frequenz des Staubsaugers nicht ertragen werden kann.

Viele Menschen mit Autismus sind nicht in der Lage, ihre Bedürfnisse zu artikulieren. Sie können aber über ihr Verhalten mitteilen, wie sie empfinden, was sie brauchen, was ihnen Angst macht und was ihnen unangenehm ist. Verhalten ist oft das einzige Kommunikationsmittel, das zur Verfügung steht.


Wenn man Verhalten aufmerksam beobachtet und richtig deutet, hat man die Botschaft erhalten. Zugegeben, das ist nicht immer leicht und man braucht auch Übung. Und auch wenn die Kommunikation nicht auf Anhieb gelingt, sollte man deutlich machen, dass man sich Mühe gibt. Dieses Bemühen zeigt Wertschätzung und Respekt.



Fazit:


Die besondere Wahrnehmung führt zu bestimmten Verhaltensmustern. Und über das Verhalten werden Botschaften kommuniziert. Wird die Botschaft richtig interpretiert, können Umgebungsbedingungen so angepasst werden, dass sie den autistischen Menschen nicht mehr belasten. Der Kreis schließt sich. Und die Lebensqualität aller Beteiligten verbessert sich. So gelingt Kommunikation.



Über die Autorin: Susanne Strasser hat Bildungswissenschaft und Psychologie studiert und arbeitet als Referentin und Beraterin im Bereich der Elternbildung und der Fortbildung für Fachpersonal, als Persönlichkeits- und Selbstbestimmungstrainerin sowie in der Beratung und Therapie für Menschen mit autistischer Wahrnehmung.

Sie ist Mutter von zwei Kindern, einer Tochter mit autistischer Wahrnehmung (Tina, 30) und einem Sohn (Felix, 22).


Literatur: Wahrnehmungsbesonderheiten bei Menschen mit Autismus. Ein Leitfaden für Verständnis und Akzeptanz ISBN 978-3-200-03973-5


Glossar:


Meltdown: Zusammenbruch aufgrund sensorischer Überlastung

neurotypisch: das was man hinlänglich als „normal“ bezeichnet, nichtautistisch

sensorisch: die Sinne betreffend

Shutdown: völliger Rückzug von der Außenwelt


AutismusSpektrum.info