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Sozialtraining und Brückenbau für Menschen im Autismus-Spektrum


Melanie Matzies-Köhler
Melanie Matzies-Köhler

Soziales Kompetenztraining bei Menschen im Autismus-Spektrum, was ist das eigentlich? Hat das ausgedient?


Beim sozialen Kompetenztraining handelt es sich im Kern um eine äußerst sinnvolle Sache. Es ermöglicht einen vermittelten Wissenszuwachs im Bereich soziale Interaktion und Kommunikation, in welchem autistische Menschen typischerweise Probleme haben. Diese Probleme treten immer dann auf, wenn sie mit nicht-autistischen Personen in Kontakt treten und teilweise auch untereinander. Umgekehrt wissen auch nicht-autistische Menschen oft nicht, wie sie mit Autisten interagieren können. Nach aktuellen Schätzungen sind ca. 1-2% der Bevölkerung autistisch.


Bei vielen Menschen im Autismus-Spektrum löst die Erwähnung dieser pädagogischen Unterstützung jedoch großes Unbehagen bis radikale Abwehr aus. Sie würden ein solches Training niemals machen oder jemandem empfehlen. Sie empfinden ihren Autismus als eine andere Art, die Welt zu sehen, als Ausdruck neuronaler Vielfalt, und denken deshalb, dass es falsch wäre, Menschen im Autismus-Spektrum hinsichtlich sozialer Kompetenzen zu schulen (Der Begriff „Training“ ist in diesem Zusammenhang tatsächlich irreführend und sollte verändert werden). Es kommt ihnen so vor, als würde man ihr Wesen dadurch verändern wollen und sie somit nicht respektieren und wertschätzen.  Die meisten Menschen im Spektrum haben regelmäßig frustrierende Erfahrungen mit der Umwelt gemacht, und viele haben das Gefühl, durch mechanisches Anwenden der Methoden des Sozialtrainings ihr wahres Ich zu maskieren und sich zu verbiegen. Sie haben mit erworbenen Sozialkompetenzen nicht die Erfahrung gemacht, Verbindungen mit anderen Menschen herzustellen oder konnten in der tatsächlichen Situation Gelerntes nicht anwenden, weil die Realitäten nicht mit der vorab besprochenen hypothetischen Situation übereinstimmten. Zudem wird argumentiert, dass die Umwelt sich im Zuge der Inklusion auch anpassen sollte.


Was soll ich sagen? Das stimmt natürlich. Soziales Kompetenztraining, allein und nur theoretisch über „Methoden“ vermittelt, in einem Kämmerlein einer psychologischen/pädagogischen Praxis, wird nicht zu bahnbrechenden Erfolgen führen. Es geht auch nicht darum, dass nur autistische Menschen sich im Dschungel sozialer Gepflogenheiten besser zurechtfinden, sondern auch darum, nicht-autistische Menschen (= neurotypisch) aufzuklären, autistisches Verhalten zu begreifen - um Brückenbau also.


Als ich vor circa zwanzig Jahren damit begann, in Berlin Soziale Kompetenzgruppen sowie Soziales Kompetenztraining für Kinder und Jugendliche mit dem Asperger-Syndrom[1] zu konzeptualisieren, lag der Fokus noch auf einer einseitigen Anpassungsleistung der autistischen Menschen an ihr Umfeld. Im Jahr 2006 wurde die Behindertenrechtskonvention[2] entschieden, 2009 wurde sie erst umgesetzt. Wir steuerten damit auf bahnbrechende Veränderungen in der Pädagogik zu, standen aber noch an der Grenze zu alten Zeiten, in denen Mitsprache und Selbstbestimmung beeinträchtigter Menschen noch am Anfang standen.


Die einseitige Herangehensweise, dass nur autistische Menschen sich anzupassen hätten, erwies sich schon bald als ineffektiv. Nicht wenige scheiterten an der mechanischen Umsetzung des Gruppentrainings oder einer lückenhaften Transferleistung. Manchen fehlte auch schlicht die persönliche Einsicht, was das Gelernte ihnen bringen solle. Durch viele Beobachtungen und Gespräche im Rahmen der Sozialen Kompetenzgruppen profitierte ich vor allem aus dem Dialog mit den Betroffenen. Sie erzählten mir, sich endlich angenommen und verstanden zu fühlen, weil wir (das Gruppenteam und ich) ihren Autismus nicht werteten, sondern annahmen und sie mit „Gleichgesinnten“ eine schöne Zeit verbrachten, ohne von anderen ausgegrenzt zu werden. Meine Vermutung war, dass das Gefühl der Akzeptanz die Bereitschaft der Kinder/Jugendlichen erhöhte, sich anzuhören, was ich ihnen in den „Lerneinheiten“ im Rahmen der Gruppenzeit zu vermitteln versuchte. Nach einer Weile hatten einige, die anfangs eine starke Verweigerungshaltung eingenommen hatten, großen Spaß an Rollenspielen und Fehlerspielen im Sozialen Kompetenztraining. Sie nahmen das erworbene Wissen mit nach Hause und einige wendeten es an, andere nicht (Florian: „Wieso soll ich das zu Hause machen, das gilt doch nur bei Frau Matzies“). Um es erfolgreich anwenden zu können, war es wichtig, das alltägliche Umfeld einzubeziehen. Nur dann können die Kinder den nächsten Schritt von dem geschützten Rahmen der Gruppe hin in ihren persönlichen Alltag gehen (Florians Vater: „Das gilt nicht nur bei Frau Matzies, das gilt auch zu Hause“).


Ausprobieren ist furchteinflößend. Oft sorgen sich meine Klienten, dass sie von anderen als lächerlich, roboterhaft oder unsicher empfunden werden. Sie haben sich schon zu oft blamiert, sind angeeckt und in der Folge ausgegrenzt worden. Sie probieren ihr Wissen daher lieber nicht aus. Doch gerade das ist von großer Bedeutung. Nur durch das Ausprobieren kann man sicherer werden. Durch Ausprobieren kann man überdies hinaus feststellen, was man möchte und was nicht möchte.


Natürlich ist es zu verurteilen, wenn autistische Menschen durch andere gemobbt, beschämt oder ausgegrenzt werden. Dies passiert leider noch immer viel zu oft. Gerade autistische Kinder erhalten darüber hinaus oft weniger Unterstützung als nicht-autistische Kinder, da sie auf Grund ihres autistischen Verhaltens „selber Schuld“ an ihren erfahrenen Traumatisierungen seien. Das ist natürlich nicht so. Deshalb ist es außerordentlich wichtig, neurotypische Menschen aufzuklären und zu informieren, was Autismus ist und welche sozialen und kommunikativen Schwierigkeiten damit verbunden sein können. Aufklärung in Einrichtungen wie Schulen, Kitas, Krankenhäusern, Ämtern usw. sind unabdingbar, wenn wir das Verständnis und Verhältnis zwischen den Welten verbessern wollen. Die ersten Ansätze dieses Denkens habe ich tatsächlich 2015 bereits in mein Buch über das Sozialtraining[3] inkludiert. Ich schrieb eine Liste mit dem Titel „Regeln für die Kommunikation für Menschen im Autismus-Spektrum“ und erteilte hierbei den nicht-autistischen Menschen eine Anleitung für ihre Kommunikation mit einem autistischen Menschen.


Doch da es nicht zu erwarten ist, dass alle nicht-autistischen Menschen (98% der Bevölkerung) diese Regeln kennen, beherzigen oder umsetzen können (gerade Kinder können dies oft gar nicht leisten), stellt der Erwerb und das Training sozialer Kompetenzen für autistische Menschen auch eine Hilfe zur Selbsthilfe dar. Natürlich ist es wünschenswert, wenn autistische Menschen versuchen, ihrerseits einen Schritt auf die Mehrheitsgesellschaft, in welcher sie leben, zuzugehen. Doch wenn Menschen aus dem Autismus-Spektrum ihr Repertoire an sozialen Fähigkeiten erhöhen, stärken sie damit in erster Linie auch sich selbst.


Dabei sollte das Soziale Kompetenztraining nie als Zwang verstanden werden, den es zu befolgen gilt. Dazu haben neurotypische Menschen schlicht nicht das Recht. Funktioniert etwas nicht, dann ist es auch völlig in Ordnung, die Entscheidung zu treffen, es nicht weiter zu praktizieren (zum Beispiel Smalltalk). Eine Entscheidung kann aber nur unter Abwägung eigener Kompetenzen (intellektuelle und emotionale Fähigkeiten) sowie vorhandenen Wissens (über eine soziale Kompetenz) getroffen werden. Es ist daher entscheidend, dass das Helfersystem, Eltern, Freunde, Bekannte und Verwandte das Kind oder den Jugendlichen entsprechend informieren, schulen und stärken. Dies jedoch stets im Sinne einer Einladung, nicht im Sinne eines von außen auferlegten Zwangs gegenüber dem autistischen Menschen.


Alle Bemühungen von Menschen im Spektrum werden jedoch an ihre Grenzen stoßen, wenn nicht auch die nicht-autistischen Menschen einen Schritt auf die autistischen Menschen zugehen. Nur, wenn zum Beispiel eine Schulklasse über Autismus aufgeklärt ist und soziale Schwierigkeiten des einzelnen Mitschülers versteht, kann sie diesem stärkend und wohlwollend entgegentreten, wenn dieser versucht, seine neu erlernten Fähigkeiten zu testen und auszuprobieren. Wenn das autistische Kind über sein Spezialinteresse redet und nicht damit aufhört, heißt es oft von nicht-autistischen Kindern: „Der hört einfach nicht auf. Ich weiß nicht, was ich dann machen soll. Meistens geh ich dann einfach weg“. Das ist schade, verunsichert das autistische Kind und fühlt sich auch für das neurotypische Kind nicht gut an.  Oder wenn ein autistisches Kind andere schlägt, kommen neurotypische Kinder zu mir und fragen: „Warum macht xy denn das? Ich habe ihm doch gar nichts getan?“.  Es hilft dann zu erklären, dass ein autistisches Kind manchmal sehr frustriert ist oder sich nicht anders ausdrücken kann, um gemeinsam mit den Kindern eine Handlungsstrategie zur Verbesserung des Klassenklimas herbeiführen zu können. Meistens ist es so, dass das autistische Kind ganz von selbst aufhört zu schlagen, wenn es akzeptiert und verstanden wird oder wesentliche Bedürfnisse erfüllt werden.


Was wirklich funktioniert, und was der einzige wahre Weg ist, ist der Brückenbau. Diesen verstehe ich so, dass beide Seiten aufgeklärt werden und Angebote erhalten, ihr Verhalten zu verändern. Eine Gesellschaft lebt niemals ohne Rücksichtnahme. Da aber niemand weiß, wer innerlich wie gestrickt ist, sollten wir generell dazu übergehen, bei Unverständnis oder Missverständnissen nachzufragen, statt davon auszugehen, dass die eigene Wahrnehmung sich immer als „korrekt“ erweist, wir also immer wissen, was in einem anderen Menschen vorgeht. Das ist jedenfalls mein Verständnis von Inklusion und gegenseitigem Miteinander.

 

Einige Methoden des Sozialen Kompetenztrainings



Social Stories nach Carol Gray: Konkrete, kurze Sachtexte zu menschlichem Sozialverhalten. Hier wird eine bestimmte soziale Kompetenz faktisch beschrieben und erklärt, oft unter Einbezug von möglichen/wahrscheinlichen Gefühlen nicht-autistischer Menschen.

Comic Strip Conversations nach Carol Gray: Illustrierte Interaktionen, die soziale Informationen geben, die einem autistischen Menschen oft fehlt. Man nutzt hier Sprach- und Gedankenblasen, um Gesagtes und Gedachtes darzustellen und Missverständnisse aufzudecken.

Videomodelling: Videofilme, die soziales Verhalten mit Hilfe von Schauspielern aufzeigen. Ein kindlicher Moderator existiert oft, der eine Kompetenz zunächst vorstellt, bevor ein anschauliches Videobeispiel gezeigt wird.


[1] Eine damals noch gebräuchliche Bezeichnung für Menschen aus dem Autismus-Spektrum ohne Intelligenzminderung

[2] Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen

[3] Sozialtraining für Menschen im Autismus – Spektrum (AS). Ein Praxisbuch. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Kohlhammer, Stuttgart. 2015.


3 Comments


Ich noch mal. Habe noch einmal in meinen Unterlagen nachgesehen und es war offensichtlich das FASTER-Programm, nachdem die Therapeutin damals in meiner Gruppentherapie gearbeitet hat. Also nicht die Programme von Frau Matzies-Köhler, das will ich zu Ihrer Ehrenrettung anmerken.


An meiner grundsätzlichen Skepsis gegenüber solchen Programmen ändert das jedoch nichts. Mir war nie ganz klar, was mir die Teilnahme an so einem Programm konkret bringen soll. Soll ich mich danach ruhiger und ausgeglichener fühlen? Soll es meine Chancen erhöhen, Freunde und vielleicht sogar eine Partnerin zu finden? Soll es mich beruflich noch erfolgreicher und selbstsicherer machen? Auf diese Fragen konnte ich bis heute keine Antwort für mich finden. Das Ganze wurde mir eher so nach dem Motto dargeboten: „Als Autist…


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Ergänzen möchte ich noch, dass soziale Kompetenztrainings bei Kindern und Jugendlichen, wo der weitere Lebensweg noch offen ist, durchaus sinnvoll sein können. Bei spätdiagnostizierten Erwachsenen sehe ich den möglichen Nutzen sehr ernüchternd, denn erwachsene Autisten haben sich in der Regel schon „durchgewurschtelt“ und sich mit der Welt arrangiert. Da halte ich starre Programme für eher schädlich als nützlich.


Vor zwei Jahren war ich in einer sozialen Trainingsgruppe, wo die Teilnehmer (ausschließlich Männer) alle eine Asperger-Diagnose hatten und ungefähr im gleichen Alter waren. Da hörten die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf, denn ansonsten waren die Lebenssituationen höchst unterschiedlich. Der eine hatte einen sicheren Arbeitsplatz, mit dem er zufrieden war. Der andere dagegen war mit seiner beruflichen Situation höchst unglücklich. Der eine…


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Als Spätdiagnostizierter hatte ich mein erstes Sozialtraining im Erwachsenenalter und muss leider sagen, meine Erfahrungen waren tatsächlich ernüchternd. Wie die Autorin sehr treffend schreibt, war es gerade das „mechanisches Anwenden der Methoden“, durch das ich mich eher wie in einer Schulstunde oder einem Trainingscamp fühlte als wie in einer Therapiestunde.

Es handelte sich um ein Gruppentraining mit einem strikten Lehrplan, wo bereits im Voraus festgelegt wurde, welches Thema in welcher Reihenfolge durchgenommen wird. Raum für eigene Themen und Ideen der Teilnehmer gab es nur sehr begrenzt. Von einer guten Therapie heißt es immer, sie solle den Menschen „dort abholen, soll wo er steht“. Das sehe ich bei einem strikten Lehrplan mit vorgegebenen Themen nicht gegeben.

Da würde ich mir eher…

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AutismusSpektrum.info

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