Mutter und Autistin – (m)eine Herausforderung (Autobiographie Teil 2/3)


Autistische Mutter mit autistischem Kind und ADHS

Hier geht es zum ersten Teil!


Die Autorin stellt sich vor: Ich heiße Julia und bin 50 Jahre alt. 2019 wurde bei mir Asperger-Autismus diagnostiziert. Ich bin Mutter einer Tochter mit Asperger-Syndrom sowie eines Sohns mit Atypischem Autismus in Kombination mit ADHS. In Teil 1 berichtete ich von der Zeit nach der Geburt meiner Tochter. In diesem Teil geht es um meine Erfahrungen als Mutter eines Kindergartenkinds, dessen Geschwister sich als sogenanntes „Schreibaby“ herausstellt. Wie im ersten Teil schreibe ich aus meiner damaligen Perspektive, in der ich zwar sehr deutlich meine Andersartigkeit spürte, aber keinen Namen dafür hatte.


Teil 2: Zwei Kinder und mehr als doppelt so viele Herausforderungen


Albtraum Busfahren


„Das Kind friert!“


„Dem Kind ist zu warm!“


„Sie müssen das Kind raus aus dem Wagen und auf den Arm nehmen!“


„Der ist übermüdet. Setzen Sie ihn zum Schlafen in die Karre!“


„Der hat aber Ausdauer!“ Genervtes Augenrollen begleitet den Satz (der immerhin nicht komplett an der Realität vorbeigeht).


Wenn Anton (1 Jahr alt) Bus fährt, dann schreit er. Mit etwas Glück erst nach 20-30 Minuten, aber oft beginnt sein Protest schon kurz nach dem Einsteigen. Unsere Fahrt dauert eine Dreiviertelstunde – eine Fahrt, wohlgemerkt. Eigentlich mag Anton Busfahren. Mit Hingabe und nicht gerade leise imitiert er die Geräusche von Druckluft-Systemen und Motor. Nicht nur während der Fahrt, den ganzen Tag über zischt und brummt Anton wie ein Linienbus. Dafür spricht er noch kein Wort.*1 Dass ihm das Sitzen im Kinderwagen oder auf meinem Schoß nach einer Weile langweilig wird, kann ich ihm nicht verübeln. Obwohl ich alles versuche, ihn abzulenken, schreit er.


Gern würde ich allen Beteiligten die Quälerei ersparen, nur leider ist Busfahren die einzige Möglichkeit, um die inzwischen 4-jährige Katharina in ihren neuen Kindergarten zu bringen. Also fährt Anton die 4 Monate bis zu unserem Umzug in seinem Buggy mit.


Ich schätze, es gibt keine andere Situation, in der sich zufällig Anwesende (meist Frauen mittleren und leicht fortgeschrittenen Alters) mit derartiger Selbstverständlichkeit in fremder Leute Angelegenheiten mischen. Vermutlich denken sie, es stände ihnen zu, ungefragt Erziehungstipps zu verteilen, weil sie selbst irgendwann mal ein Kind oder mehrere großgezogen haben. Ziemlich sicher hatten diese Kinder keinen Autismus und kein ADHS, denn dann würden die Ratschlägerinnen entweder ihre Klappe halten oder anders sprechen.


Weil verbale Schlagfertigkeit nicht zu meinen Kernkompetenzen gehört, schweige ich meistens. Sofern ich doch die Energie dazu aufbringen kann, erkläre ich, das alles hätte ich bereits erfolglos durchexerziert, wohl wissend, wie jämmerlich rechtfertigend es klingt. Innerlich koche ich vor Wut, bin aber viel zu überlastet, um mir die Einmischung zu verbitten. Nur raus aus dem Bus will ich und den mehr oder weniger wohlmeinenden Tipps entfliehen. Auch der Enge, der stickigen Luft und dem Krach, an dem Antons Geschrei einen großen, aber nicht den einzigen Anteil hat.


Katharina stören glücklicherweise weder die Fahrerei noch Antons Gebrüll. Sie blättert in ihrem Tierlexikon für Kinder oder schaut aus dem Fenster, als ginge sie der ganze Stress nichts an, was irgendwie ja auch stimmt. Ihre Probleme beginnen erst im Kindergarten. Dort angekommen versteckt sie sich hinter mir. Das Gerenne im Flur ist ihr suspekt. Meine Hoffnung, sie würde Anschluss finden, wenn sie nur immer regelmäßig hinginge, erfüllt sich nicht. Meist spielt sie für sich allein, malt oder bastelt unter Anleitung ihrer Lieblingserzieherin Silke. Sobald ich morgens Silke sehe, verspüre ich Erleichterung, weil ich weiß, dass Katharina nun eher gewillt ist, sich von mir und Anton zu trennen.


Schuldgefühle


Obwohl ich davon ausgehe, dass der Kitabesuch wichtig für Katharinas soziale und kommunikative Fähigkeiten ist, verfolgt mich das schlechte Gewissen, sie dort zu lassen. Überhaupt ist Schuld derzeit das zentrale Gefühl in mir. Ich habe Schuldgefühle den anderen Businsassen und dem Fahrer gegenüber wegen Antons Geschrei. Anton gegenüber fühle ich mich schuldig, weil ich unfähig bin, ihm zu helfen. Er schreit ja nicht zum Spaß aus Leibeskräften. Ich versage als Mutter, das zeigen mir die abfälligen Blicke und Kommentare, das zeigen mir das krebsrote Gesicht meines Jüngsten und die fehlende Integrationsfähigkeit meiner Tochter, die nicht so ist wie die anderen Kinder.*2 Ich fühle mich hilflos und als Versagerin.


Kein schönes Gefühl. Leider auch kein fremdes. Als hoffnungslose Versagerin fühle ich mich schon mein ganzes Leben hindurch, von kleinen, vorübergehenden Lichtblicken abgesehen. Schuld- und Versagensgefühle begleiten mich wie zwei schlechte alte Bekannte. Trotz bester Voraussetzungen wie hoher Intelligenz, Begabungen im schriftsprachlichen Bereich (die allerdings nie gefördert wurden), Abitur und zweimal mit sehr gut bestandener Magister-Zwischenprüfung (Sozialpsychologie und Geschichte) habe ich nichts „aus mir gemacht“. Einen erkennbaren Grund dafür gibt es nicht, ergo liegt es an mir: zu faul, zu empfindlich, immer eine Spur zu unbeholfen und umständlich. Die Folgen: abgebrochenes Studium und zwei Abschlüsse in für mich völlig ungeeigneten Berufen, die ich aufgrund permanenter sozialer Überforderung und sensorischer Überlastung nicht ausüben kann.


Nun versage ich auch als Mutter. Die Strategien, die ich im Zusammenleben mit Katharina entwickelt habe, funktionieren bei Anton nicht. Es ist, als entzöge sich sein ganzes Wesen weitgehend meinem Einfluss, ebenso dem meines Mannes. Wir verstehen ihn nicht, missachten ohne es zu wollen täglich seine Bedürfnisse … andernfalls würde er im Bus und bei einer Vielzahl anderer Gelegenheiten nicht so verzweifelt protestieren.


Flucht in die Mutterrolle, next Level (Rückblick)


Wer Teil 1 im Gedächtnis hat, mag sich fragen: „Flucht in die Mutterrolle“ – hatten wir das nicht schon?


Hatten wir. Der Verlauf war allerdings ein anderer. Katharinas Geburt bescherte mir eine neue Rolle als Mutter und Hausfrau und den Ausstieg aus meinem ohnehin arg löcherigen beruflichen Lebenslauf. Ein (ungeplanter) Segen, denn der Dauerstress, den die Arbeit für mich bedeutete, hätte mich langfristig umgebracht. Das meine ich durchaus wörtlich:


Sich jeden Morgen vornehmen, den Tag irgendwie durchzustehen. Sich nach der abendlichen Ruhe und dem Alleinsein sehnen, wissend, dass man zu erschöpft ist, um noch etwas vom Feierabend zu haben, indem man seinen Interessen nachgeht. Die eigene Empfindlichkeit und mangelhafte Belastbarkeit verfluchen. Zum Spannungsabbau über drei Jahrzehnte wenig empfehlenswerte Mittel: Hungern, Essen und Erbrechen, Zigaretten. Am Samstagabend Partys – das ganze Wochenende allein sein möchte ich auch nicht – und Alkohol. Nüchtern ertrage ich die vielen Menschen und Geräusche nicht. Der Körper streikt immer häufiger. Schlafstörungen, Migräneattacken, CMD (Craniomandibuläre Dysfunktion, verursacht u. a. Zähneknirschen), Herzrhythmusstörungen, Verdauungsprobleme. Ich „nehme“ jeden Infekt „mit“, schleppe mich aus einem obskuren, aber tief verankerten Pflichtgefühl trotzdem zur Arbeitsstelle, es sei denn, Fieber kommt hinzu. Was oft genug der Fall ist und zu besorgten Fragen führt, was bei mir nicht in Ordnung sei (nicht „ob“, sondern „was“).


Dass mich die sozialen Aspekte des Berufslebens überforderten, behielt ich stets für mich. Einerseits aus Scham – ich verstand ja selbst nicht, warum mich der Umgang mit Menschen so anstrengte, sogar mit solchen, die ich kenne und schätze. Andererseits deswegen, weil ich es von Kindheit an gewohnt war, Dinge mit mir selbst auszuhandeln und mich „nicht so anzustellen“.


Aufgrund der zahlreichen Krankschreibungen schlug mir mein Hausarzt wiederholt eine Kur vor. Erschrocken lehnte ich ab. An einen unbekannten Ort zu reisen, um mit einer Vielzahl fremder Menschen in einem großen Speisesaal zu essen … Allein die Vorstellung schlug mir auf den Magen. Meine Essgewohnheiten – sowohl das Was als auch das Wie – sind ziemlich eigen. Zudem vermag ich den Vorgang der Nahrungsaufnahme nur allein, maximal in Gesellschaft meiner Kernfamilie zu genießen. Schon als Kind zog ich mich am liebsten zum Essen in mein Zimmer zurück, sofern es mir gestattet wurde. Dann die Ungewissheit, ob ich ein Einzelzimmer bekommen würde. Keine Rückzugsmöglichkeit heißt keine Erholung, stattdessen Daueranspannung, wie früher auf den verhassten Klassenfahrten.


Als Katharina auf das Kindergartenalter zuschritt, dachte ich darüber nach, ob ich in der Lage wäre, halbtags zu arbeiten. Andere Mütter schaffen das ja auch, und das Geld hätten wir gut gebrauchen können. Aber ich wusste, die Kraft, die ich für den Beruf bräuchte, würde in keinem Verhältnis zu dem Gehalt stehen, das ich in Vormittags-Teilzeit als Physiotherapeutin ohne Fortbildungen und ohne die Möglichkeit, mit dem Auto zu Hausbesuchen zu fahren, erwarten könnte.


Da wir uns ohnehin ein Geschwisterkind für Katharina wünschten, lag die Entscheidung nahe, weitere 3 Jahre in Elternzeit zu gehen. Mir war klar, dass das lediglich einen Aufschub der beruflichen Frage bedeutete. Auch, dass es mit zwei Kindern noch belastender wäre, nebenbei zu arbeiten, wenn mir nicht mal das Wochenende zur Regeneration bliebe. Aber zunächst war ich schlicht erleichtert angesichts der Aussicht, auch die nächsten Jahre zu Hause verbringen zu dürfen.


Mein Schreibaby


Wie auch nach Katharinas Geburt fahren wir mit dem erst ein paar Stunden alten Anton baldmöglichst heimwärts. Im Krankenhaus bleiben zum Ausruhen? Was für eine Erholung soll das sein, wenn ich das Zimmer mit einer anderen Mutter teilen muss, mitsamt deren Nachwuchs und den zu erwartenden Besuchern? Die meisten frischgebackenen Mütter freuen sich über Gratulanten. Ich will nur meine Ruhe.


Leider kann auch zu Hause von Erholung keine Rede sein. Schon vor Antons Geburt ahnte ich, dass er sich nicht nur hinsichtlich des Geschlechts von Katharina unterscheidet. Während ich mich bei ihr über die sachten Bewegungen freute, die von ihrem Dasein kündeten, trat und boxte Anton, schlief kaum und stemmte sich gegen die Wände seines Gefängnisses. Kaum auf der Welt, wehrt er sich gegen den Schlaf wie gegen einen Erzfeind. Wann immer Anton einnickt, schreckt er binnen Kurzem und ohne ersichtlichen Anlass wieder hoch. Im Wachzustand quengelt er fortwährend – kein Wunder, vermutlich ist er völlig übermüdet.


Wir suchen Rat bei der Hebamme, beim Kinderarzt, im Internet, probieren alles Mögliche. Was wir auch unternehmen bleibt wirkungslos, Abend für Abend schläft Anton nach 3-6 Stunden aus purer Erschöpfung ein. Unsere Liste von Maßnahmen ist so lang wie unsere Verzweiflung groß ist. Die hinzugezogenen Fachleute sind ratlos. Abgesehen von einer erhöhten Körperspannung, die dazu führt, dass Antons Unterarme in die Luft ragen, wenn er – endlich schlafend – auf dem Rücken liegt, fehlt ihm nichts. Schiefhals und KiSS-Syndrom, verantwortlich für viele Schreibabys, werden ausgeschlossen. Der Grund für die ständige Unruhe liegt in Antons Naturell selbst. Einerseits sucht er nach Außenreizen, auf der anderen Seite überfordern sie ihn. Das begreifen wir allerdings erst viel später.


Das komplette erste Jahr geht das so. Pro Nacht komme ich (wenn es gut läuft) auf 4-5 Stunden Schlaf, mehrfach unterbrochen. Mein normales Schlafbedürfnis liegt bei 7,5 Stunden, daher bin ich chronisch übermüdet. Ich klammere mich an den Gedanken, es würde irgendwann besser werden. Bis dahin muss ich durchhalten, eine Alternative gibt es nicht. Einen Spruch höre ich häufig: „Kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen.“ In unserem Fall ist das Blödsinn. Inzwischen sind meine Kinder zwar noch nicht groß, aber im Teenageralter, und es gibt jede Menge Hürden, die sie als nicht-neurotypische Kinder zu bewältigen haben, und wir als Eltern mit ihnen. Dennoch behaupte ich: Wenn dir so etwas Elementares wie Schlaf über 12 Monate hinweg entzogen wird, erscheinen Schulprobleme zwar nicht unbedingt erfreulich, aber als etwas, mit dem man irgendeinen Umgang finden kann.


Ich komme an meine Grenzen


Mit Dauererschöpfung und Schlafmangel finde ich keinen Umgang. Ich hangele mich von Tag zu Tag. Daneben zerrt die fortdauernde Geräuschkulisse und der Mangel an Rückzugsmöglichkeiten an meinen Nerven. Ich kann Anton keine Minute allein lassen, da er sofort schreit. Den Expertenempfehlungen folgend laufe ich nicht sofort zu ihm hin. Unnötig zu betonen, dass der Erfolg ausbleibt (ja, ich habe es mehr als nur ein paar Tage versucht). Wenn Anton tagsüber mal kurz einnickt, versuche ich schnell das Nötigste im Haushalt zu erledigen. Zeit zum Ausruhen oder mich meinen Interessen zu widmen bleibt nicht. Ich fühle mich unausgeglichen und unglücklich, Gefühle, die ich mir gleichzeitig vorwerfe. Schließlich habe ich es mir so ausgesucht. Dass Anton sich als Schreikind entpuppt, war zwar nicht planbar, aber damit müssen andere Mütter ebenfalls zurechtkommen, sich vielleicht sogar um ein behindertes Kind kümmern. Ich sollte also weniger empfindlich sein, sondern lieber dankbar dafür, zwei gesunde Kinder zu haben.


Um Katharina neben ihrem kleinen, fordernden Bruder nicht zu vernachlässigen, gehe ich mit ihr zum Kinderturnen, zum Spielkreis, auf den Spielplatz, in den Zoo ... Egal ob Anton die meiste Zeit über quengelt und brüllt. Schiefe Blicke ernte ich sowieso täglich. Manchmal gleiten sie an mir ab, oft aber fühle mich wieder einmal als schlechte Mutter. Nein, nicht als Rabenmutter, Rabenvögel sind fürsorgliche Eltern. Menschen schreiben Tieren gern eigene ungeliebte Eigenschaften zu und ignorieren dabei getrost die Realität.


Eine spezielle sensorische Belastung macht mir schwer zu schaffen: der Geruch von Fäkalien. Anton scheidet nicht täglich aus wie die meisten Säuglinge und Kleinkinder, sein Darm sammelte den Inhalt über 3-4 Tage. Dementsprechend sprengt die Menge das Fassungsvermögen jeder Windel. Die Konsistenz tut ihr Übriges, eine komplette Reinigung von Kind, Kleidung und Umgebung nötig zu machen. Der Kinderarzt sieht darin eine im Rahmen liegende Varianz, also stelle ich mich darauf ein und wickele vorausschauend doppelt. Wie bei Katharina stille ich das erste Jahr hindurch, doch bei Anton muss ich nach 6 Monaten zufüttern, erst mit Säuglingsmilch, dann mit Brei. Ich teste unterschiedliche Sorten, aber auf Antons Verdauung hat das keinen Einfluss.


Als Mutter besitzt man eine relativ hohe Toleranz den Ausscheidungen des eigenen Kindes gegenüber. Auf mich trifft das leider nur eingeschränkt zu; schon beim Wickeln von Katharina kämpfte ich des Öfteren mit dem Würgereiz. Mein Hör- und Geruchssinn sind extrem ausgeprägt und damit gerade die Sinne, die Anton ständig und regelmäßig reizt. Er kann dafür nichts, und ich schäme mich, weil ich die Wickelprozedur so sehr verabscheue. Ich erledige, was zu tun ist, und wenn ich fertig bin und Anton gerade mal nichts von mir fordert, breche ich in einer Ecke der Wohnung zusammen.


Ins liebgewonnene Fitnessstudio (siehe Teil 1) schaffe ich es nur noch unregelmäßig. Meist bin ich auch zu ausgelaugt, den PC hochzufahren, und kann die kostbaren freien Minuten somit nicht zum Spielen nutzen, was mich früher, als Katharina klein war, immer sehr entspannte. Ich muss meinen Zeitplan einhalten, muss Anton rechtzeitig fertigmachen, um mit ihm den Weg zur Kita anzutreten. Muss wenigstens ein bisschen Haushalt erledigen, damit nicht alles im Chaos versinkt. Mein Mann arbeitet körperlich hart und ist abends gleichfalls erschöpft, dessen ungeachtet kümmert er sich, wenn er zu Hause ist, mit um Anton. Theoretisch gibt mir das Gelegenheit, zum Sport zu gehen, nur bin ich abends dafür viel zu „erschlagen“. Mich ins Nebenzimmer zurückzuziehen und mich an den Computer zu setzen, verhindert mein schlechtes Gewissen. Wenn mein Mann schon auf Anton aufpasst, sollte ich etwas Sinnvolles tun, zum Schlafen oder Herumdaddeln ist die Zeit zu kostbar.


Doch was mir fehlt, ist eben nicht das, was allgemein als hilfreich für erschöpfte Mütter erachtet wird. Ich brauche keine Abwechslung, keine Entspannungskurse, Massagen oder Kuren, keine Treffen mit Freundinnen (habe ich ohnehin nicht, nur ein paar Bekannte) oder sonstige Erlebnisse. Mangels fehlender Selbstreflexion begreife ich meine eigenen Bedürfnisse aber nicht und kann sie daher meinem Mann gegenüber auch nicht kommunizieren. Neben Schlaf – und beinahe noch mehr als dieser – fehlen mir Zeiten, in denen ich allein und ungestört bin.*3 Regelmäßig, damit ich mich darauf freuen kann, denn im Moment kann ich mich an gar nichts erfreuen und bin gefangen im Durchhalten-Modus.


Wie lange ich noch durchhalten muss, weiß ich nicht. Ich weiß nur, ich muss, irgendwie.

Erschöpfung durch Sozialkontakte


Lange Zeit hält mich der Gedanke aufrecht, dass meine derzeitige Lebenssituation immer noch besser ist als der frühere Berufsalltag. Oder auch die Zeit, als ich mich zwischen Studium und drei Jobs zerrieb, um mir und meinen beiden Katzen eine 2-Zimmer-Wohnung zu finanzieren, weil das Zusammenleben in einer WG mich zu sehr belastete. Denn: So anstrengend Anton ist, empfinde ich doch jede Menge Mutterliebe für ihn und Katharina, was das Durchhalten einfacher macht. Ich bin ausschließlich mit den Menschen zusammen, die mir etwas bedeuten, und muss mich darüber hinaus nur selten mit Außenstehenden befassen. Ich bin weitgehend zu Hause, in meinem sicheren Bereich. Und trotz der Belastungen durch Schlafmangel, fehlendes Alleinsein und sensorische Belastung finde ich in der Gleichförmigkeit der Tage eine innere Zuflucht, sie verleiht mir Struktur und Halt.


Dieser Zustand wird mit dem Älterwerden der Kinder immer häufiger unterbrochen. Schon mit Katharinas Anmeldung zum Spielkreis, spätestens aber durch ihren erst spät, mit 4 Jahren, erfolgten Eintritt in den Kindergarten beginnt ein neues Kapitel, das einige Überraschungen bereithält. Ich besaß ja keine Vorstellung davon, wie viele soziale Kontakte die Aktivitäten des eigenen Kindes mit sich bringen!


Natürlich kam ich auch zuvor in Berührung mit anderen Eltern, meist Müttern – aber nur an einzelnen Tagen und das auch nur über ein paar Wochen, wie bei Krabbelgruppe und Babyschwimmen. Mit einigen Elternteilen verstand ich mich oberflächlich sogar recht gut. Mit einem Paar, das wir im Geburtsvorbereitungskurs kennenlernten, hielten mein Mann und ich über einige Jahre Verbindung mit gelegentlichen Treffen. Meist empfand ich diese als sehr anstrengend – weil mich Sozialkontakte grundsätzlich Kraft kosten –, und als die Kinder größer wurden, ging die gemeinsame Basis unserer Bekanntschaft (von Freundschaft möchte ich nicht schreiben; ein Freund wäre für mich jemand, bei dem ich mich nicht verstellen müsste) verloren. Heute senden wir uns nur noch Weihnachts- und Neujahrsgrüße. Für mich ist das okay.


Jetzt, im Kindergarten, sehe ich über zwei Jahre hinweg von Montag bis Freitag, morgens und nachmittags, andere Eltern. So weit, so gut, würde sich der Kontakt auf „hallo“ und „tschüss“ beschränken. Aber die Mütter möchten reden, genauer formuliert sind sie ganz wild darauf, miteinander zu „klönen“. Auch auf ihre Kinder quasseln sie pausenlos ein. Es gelingt ihnen nicht, still abzuwarten, bis der Nachwuchs sich angezogen hat, nein, es wird gefragt, erzählt, angewiesen, aufgefordert, fast ohne zwischendurch Luft zu holen. Warum müssen sich Menschen ständig mitteilen? Auf mindestens 80 Prozent der Mütter trifft das zu. Die anderen würden wahrscheinlich gern mitmachen, haben es aber eilig, weil sie zur Arbeit müssen. Ich will nicht unhöflich wirken, also werde ich zwangsinvolviert in allerlei Gespräche. Oft weiß ich nichts Passendes zu erwidern, antworte einsilbig, stelle keine Gegenfragen. Genauso oft zwinge ich mich aber dazu, irgendetwas zu sagen, um nicht als mürrisch oder seltsam wahrgenommen zu werden.


Zum wochentäglichen Kontakt summieren sich Elternabende und Veranstaltungen wie Sing- oder Theatervorführungen hinzu. So lange ich nur dasitzen muss und zuhören, geht das. Erheblich belastender sind Feiern ohne feste Abläufe, deren Hauptinhalt im geselligen, „ungezwungenen“ Zusammensein besteht. Immer stehe ich mit Katharina am Rand. Das ist mir eigentlich auch lieber so, andererseits verstärkt es unsere Außenseiterrolle, die ich meiner Tochter zuliebe vermeiden möchte. Außenseiter haben es nicht leicht, das weiß ich nur zu gut.


Hin und wieder wird Katharina zu Geburtstagsfeiern eingeladen. In diesem Alter ist es üblich, dass ein Elternteil dortbleibt und „mitfeiert“. Auch hier tue ich alles, um nicht als „komisch“ aufzufallen. Ich unterhalte mich und nebenbei kümmere ich mich um Anton, der entweder schreit oder versucht irgendwo hinzugelangen, wo er nicht hindarf. Neben Multitasking und der Anstrengung, halbwegs sozial kompetent zu wirken, setzen mir Geräusche, Gerüche, Gewusel zu. Kaum verstehe ich den Inhalt des Gesprochenen, muss höllisch aufpassen, wenigstens ab und zu etwas Sinnvolles zu erwidern. Wenn es vorbei ist, verabschiede ich mich innerlich wie ausgebrannt; äußerlich zwinge ich mich zu einem letzten Lächeln. Die Floskel, es wäre ein schöner Nachmittag/Vormittag gewesen, bringe ich nicht über mich. Meist sage ich etwas wie: „Danke noch mal für die Einladung“ oder „Den Kindern hat es sehr viel Spaß gemacht“. Fällt mein Blick zufällig in einen Spiegel, sehe ich ein Gesicht, das so versteinert wirkt, dass man ihm nicht mal mehr die Erschöpfung ansieht.


Obwohl weder ich noch meine Tochter sonderlich integriert in die Kindergartengemeinschaft sind, halte ich am Ende die Abschiedsrede des Jahrgangs. Warum? Jemand muss es tun, und wie immer fühle ich mich verantwortlich, mich „einzubringen“.*4 Mein Unvermögen, die eigenen Grenzen zu berücksichtigen und Nein zu sagen, sollte einige Zeit später, mit Katharinas Schuleintritt, noch unerfreuliche Auswirkungen haben.


Verdacht ADHS


Als Anton knapp 3 Jahre alt ist (und Katharina eingeschult wird), kommt er in den Kindergarten. Wieder hagelt es gutgemeinte Ratschläge von anderen Müttern.


„Er braucht klare Grenzen.“


„Einfach ignorieren, wenn er schreit.“


„Alles eine Frage der Erziehung.“


„Das kenne ich von meinem. Da muss man konsequent bleiben, dann lässt er das schon irgendwann.“


Nein, lässt er nicht. Schön, wenn es so simpel wäre.


Manchen Leuten würde ich Anton gern mal für ein, zwei Tage ausleihen, damit er ihre ahnungslose Selbstgefälligkeit zurechtstutzt. Natürlich nicht wirklich, nur als Gedankenexperiment. Warum mein Sohn so schwierig ist, dafür habe ich immer noch keine Erklärung. Ich verlasse mich auf das Urteil des Kinderarztes, der bei sämtlichen Vorsorgeuntersuchungen nichts Auffälliges an Antons Verhalten feststellt.


Anton fügt sich zunächst recht gut in seine Kindergartengruppe ein. Er besucht eine andere Kita als Katharina, die mit dem „offenen Konzept“ dort Schwierigkeiten hatte. In Antons Kindergarten geben Gruppenräume, regelmäßige Abläufe und Rituale Struktur. Beim freien Spielen kommt es jedoch immer wieder zu Konflikten mit anderen Kindern. Wenn Anton nicht allein spielt, will er bestimmen, das lässt sich nicht jeder gefallen. Anton ist extrem schnell beleidigt, wird wütend oder reagiert weinerlich. Vor allem seine ständige Unruhe fällt den Erzieherinnen auf, was schließlich zu dem Verdacht ADHS führt. Ich beginne mich mit dem Thema auseinanderzusetzen und wende mich schließlich an eine kinder- und jugendpsychiatrische Praxis. Anton ist fünf, als er die Verdachtsdiagnose ADHS erhält, mit dem dringenden Appell, erneut vorzusprechen, wenn er sieben ist, da erst in diesem Alter eine gesicherte Diagnose gestellt werden könne. Endlich haben wir eine Erklärung für seine Verhaltensauffälligkeiten, auch für sein anhaltendes Schreien als Baby und Kleinkind. Meine Vermutung, Antons innere und äußere Unruhe sei ein Teil von ihm, der sich bereits vor seiner Geburt bemerkbar machte, bestätigt sich.


Von Autismus besitze ich (und anscheinend auch Antons Kindergärtnerinnen) nur eine sehr grobe und teils verzerrte Vorstellung, sonst wären uns vielleicht noch andere Dinge aufgefallen, die sich mit ADHS allein nicht erklären lassen. Antons permanentes Lautieren zum Beispiel oder seine Faszination für glänzende, scheiben- und kugelförmige Dinge. Mit seinen Spielzeugen beschäftigt er sich zwar, aber anders als vorgesehen. Seine Autos schiebt er neben sich auf dem Boden immer wenige Zentimeter vor und zurück, betrachtet dabei die Räder oder dreht auch lediglich daran. Diesen ruhigen Beschäftigungsformen geht er nur zu Hause nach, im Kindergarten überwiegt seine motorische Unruhe. Antons Einzelgängertum wird mit seiner mangelnden Integrationsfähigkeit aufgrund der hyperaktiven Störung erklärt. Auch seine Impulsivität sowie sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn. Schnell fühlt er sich benachteiligt und unfair behandelt, was heftige Wutausbrüche zur Folge hat. Manchmal verkriecht Anton sich auch unter einem Tisch oder in einer Ecke. Bis der Verdacht Autismus im Raum steht, sollte es noch weitere zwei Jahre dauern.



Heute ist Anton 11 Jahre alt. Ohne ihn wäre ich womöglich nie – oder noch viel später, als es ohnehin der Fall war – auf den Gedanken gekommen, selbst autistisch zu sein. Ich hätte mich weiterhin überfordert und mit meinen Unzulänglichkeiten gehadert. Mehr darüber im abschließenden Teil 3.



In ihrem Ende 2021 erstellten Blog anderseitig.de schreibt die Autorin über den Themenkomplex Asperger-Syndrom, Introversion und Hochsensibilität.


Anmerkungen:


*1 Mit rund einem Jahr auch nicht ungewöhnlich, nur kannte ich es von Katharina anders. Mit 11 Monaten sprach sie ihre ersten Worte, schon bald kurze Sätze und erfand originelle Wortschöpfungen. Antons erste einzelne Worte hörten wir, als er ungefähr 2 Jahre alt war.

*2 Dass Katharina geringes Interesse an anderen Kindern zeigt, fiel zum ersten Mal im Spielkreis auf. Ich dachte mir nichts dabei, schließlich ist jedes Kind anders, außerdem zog sie sich nicht völlig zurück, sondern ließ sich von uns Erwachsenen (im Spielkreis ist meist ein Elternteil dabei) zum Mitmachen überreden. Im Kindergarten wurde es schwieriger, weil ich nicht dortbleiben konnte und der Zeitrahmen größer ausfiel. Ich erinnere mich sehr gut an meine eigene Kindergartenzeit und weiß, dass ich meist für mich blieb. Daher fand ich Katharinas Verhalten nicht allzu ungewöhnlich.

*3 Erst Jahre später, im Rahmen der Beschäftigung mit Autismus, aber auch mit Introversion und Hochsensibilität, erkenne ich, dass ich sehr viel Zeit allein benötige, um mich wohlzufühlen. Heute gestehe ich mir diese Alleinzeit zu, was einen gewissen Balanceakt zwischen der Befriedigung familiärer und eigener Bedürfnisse erfordert, der auch nicht immer gelingt.

*4 Heißt: Man backt zu allen möglichen Anlässen Kuchen und Muffins, schnippelt Fingerfood, begleitet Ausflüge oder übernimmt Aufgaben in der Elternvertretung.



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