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Frauen mit Autismus-Spektrum-Störung (Asperger-Syndrom)



Daniela Dankova
Daniela Dankova

Unterschiede zwischen Mädchen und Buben


Bereits in der frühen Kindheit können Unterschiede zwischen autistischen Mädchen und Buben beobachtet werden. Sie gehen mit der Angst vor sozialen Situationen und vor Menschen anders um. Während sich die meisten Mädchen zurückziehen, versuchen Jungen, andere Menschen und Situationen zu bestimmen und zu kontrollieren. Selbstverständlich gibt es auch da Ausnahmen bzw. Fälle, in denen sich Autisten untypisch für ihr Geschlecht verhalten. Im Erwachsenenalter bleiben die Tendenzen des Kindesalters meist weiterhin bestehen.


Nach äußeren Maßstäben zu beurteilen


Eine deutliche Tendenz, die bei manchen AS-betroffenen Frauen beobachtet wird, ist die Neigung, den eigenen Wert nach äußeren Maßstäben zu beurteilen. Vorwiegend im Jugend- und frühen Erwachsenenalter neigen sie dazu, Erwartungen anderer zu erfüllen, anstatt nach eigenen Wertvorstellungen und Bedürfnissen zu leben. Damit ist die Befürchtung oder Angst verbunden, dass es ihnen misslingen könnte, den Erwartungen anderer gerecht zu werden. Die Anerkennung von anderen zu bekommen, ist ein häufiges Ziel. Wichtige Lebensentscheidungen werden ebenfalls so getroffen, dass sie den Erwartungen anderer entsprechen. Schließlich kann bei diesen Frauen das Gefühl entstehen, ein fremdbestimmtes Leben zu führen. Es kommt zur Selbstentfremdung bzw. zu einer Art des Verlustes der eigenen Identität. Sie lassen sich ziellos durchs Leben treiben. Zugleich fühlen sie sich frustriert, weil sie nicht so leben, wie sie es möchten.





Die Tendenz, sich an anderen zu orientieren, kann bei AS-betroffenen Frauen in vielen Fällen auch bei der Berufswahl beobachtet werden. Häufig fällt die Entscheidung für diejenige Ausbildung, die die Familie für „richtig“ hält. Das eigene Interesse bleibt dabei unberücksichtigt. Manche der Frauen absolvieren den fremdbestimmten Weg, treffen jedoch später die Entscheidung, das zu machen, was ihnen wichtig ist und sie interessiert. Manche fangen später noch eine zweite Berufsausbildung oder ein Studium an. Da sie zu diesem Zeitpunkt oft schon im mittleren Erwachsenenalter sind und aufgrund der bisherigen kräfteraubenden Kompensationsleistungen nicht mehr ausreichend Energie aufbringen können, scheitern sie oft dabei. Die notwendige Energie und körperliche sowie psychische Gesundheit für die Realisierung des Berufswunsches sind nicht mehr vorhanden. Das Ergebnis können verstärkte Frustration, mangelndes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle und Selbstunsicherheit sein.


Keine konkreten Zukunftspläne


Nicht wenige AS-betroffene Frauen haben keine konkreten Zukunftspläne. Sie tun sich schwer damit, für sich Ziele zu setzen, an denen sie arbeiten möchten. Das liegt an mangelnden exekutiven Fähigkeiten. Folglich gestalten sie die eigene Zukunft nicht aktiv, was ebenfalls Enttäuschung und Frustration zur Folge haben kann.


Kein klares Selbstbild


In vielen Fällen haben vom AS betroffene Frauen kein klares Selbstbild. Sie wissen nicht, wie ihre eigenen Meinungen und Einstellungen sind. Autistische Symptome wie die eingeschränkte zentrale Kohärenz und ToM-Fähigkeiten sind daran beteiligt. Abgesehen davon sind sie in vielen Fällen nicht bemüht, es bewusst zu ändern. Stattdessen versuchen sie, sich anzupassen und sich von anderen sagen zu lassen, wie sie sein und was sie machen sollten. Meinungen anderer Menschen haben sie als eigene angenommen, um gemocht zu werden, und um möglichst wenig negativ aufzufallen. Durch diese ungünstigen Prozesse konnten sie keine eigene Persönlichkeit entwickeln. So überrascht es nicht, dass sie bei anderen Menschen häufig nicht ankommen, weil sie unecht bzw. nicht authentisch wirken. Sie erwecken den Eindruck, dass ihnen eine eigene Identität fehlt. Wenn jemand bei der Interaktion unecht wirkt, kann er schwer echte Freundschaften und ernst zu nehmende Beziehungen aufbauen. Dr. Preißmann schrieb darüber: „Die Betroffenen werden das wahre Glück nicht finden, wenn sie eine Fälschung darstellen, wenn sie einfach versuchen, die Wünsche und Verhaltensweisen anderer zu kopieren“.1 Zwar neigen die meisten Menschen in einem gewissen Alter dazu, Vorbilder zu imitieren und sich mit anderen zu vergleichen. Es ist eine Neigung, die während der Pubertät stark zum Vorschein kommt. Mit fortschreitender Persönlichkeitsentwicklung merken jedoch die meisten, dass diese Neigung unglücklich macht, weil man dabei fremdbestimmt wird. Zudem gibt es immer jemanden, der in etwas besser ist, was unter Umständen Neid oder Frustration auslösen könnte. Das Ziel des Lebens sollte nicht darin bestehen, gleich gut oder besser als die anderen zu sein. Ein konstruktives Lebensziel könnte sein, die beste Version seiner selbst zu werden. Das macht glücklich und zufrieden.



Autorin

Daniela Dankova ist Psychologin. Sie arbeitet in einer psychologischen Praxis in Zürich. Das Asperger-Syndrom ist einer der Schwerpunkte ihrer Tätigkeit. Zu diesem Thema hat sie ein Buch verfasst.


Buchtitel

Autismus-Spektrum-Störung: Asperger-Syndrom. Symptomatik, Therapie, Alltagsbewältigung und Partnerschaften. Taschenbuch: 244 Seiten. Verlag: BoD-Verlag, 2. Auflage (28.10.2020). ISBN-10: 3752642223. ISBN-13: 978-3752642223. Erhältlich in Onlineshops und in allen Buchhandlungen.


Literatur:

Dankova, D. (2020). Autismus-Spektrum-Störung: Asperger-Syndrom. Symptomatik, Therapie, Alltagsbewältigung und Partnerschaften. Norderstedt: BoD-Verlag.

Preißmann, C. 2013, Überraschend anders – Mädchen & Frauen mit Asperger. S. 144. Stuttgart: Trias Verlag.



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