Kann eine gute Partnerschaft trotz Asperger-Syndrom gelingen?


Diese Frage stellen sich viele Betroffene. Manche bleiben nicht nur bei der Frage stehen, sondern machen ihre eigenen Erfahrungen. Früher oder später stellen sie fest, dass eine Partnerschaft einzugehen und sie auf Dauer zu bewahren alles andere als einfach ist.

Worauf sollten Autisten bei einer Partnerschaft achten und worauf sollten ihre Partner, vor allem wenn es Nicht-Autisten sind, achten? Was braucht es für eine erfüllende, stabile und dauerhafte Partnerschaft mit einem Menschen mit AS?


Kurz und bündig kommt es vor allem auf folgende Bereiche an:

  • Persönlichkeitsreife bei beiden Partnern

  • einen eindeutigen Willen, ein „Ja“ zur Partnerschaft

  • Beziehungsarbeit

  • Freiräume

  • Akzeptanz autistischer Symptome

  • gegenseitige Unterstützung im emotionalen und sachlichen Bereich

  • Betreuungsverhältnis vermeiden



Wie zeigt sich die Persönlichkeitsreife bei einem Menschen?

Die Persönlichkeitsreife ist durchs Lebensalter bedingt. Von einem Kind oder Jugendlichen erwartet man noch keine vollständig ausgebildete Persönlichkeitsreife. Sie wird in diesen Lebensabschnitten erst ausgebildet.


Die Persönlichkeitsreife wird laut der Entwicklungspsychologin Jane Loevinger Weissmann durch folgende Merkmale charakterisiert:

  • ein reifes Gewissen

  • Respekt vor anderen Menschen, ihren Bedürfnissen und ihrer Autonomie

  • langfristige Lebensziele

  • eigene langfristigen und stabilen Ideale und Werte zu haben und sich nach ihnen zu richten, anstatt die Zustimmung des Mainstreams zu suchen und diesem nachzueifern

  • ein reichhaltiges, differenziertes Innenleben und die Fähigkeit, dieses samt den dazu gehörigen Emotionen verbal auszudrücken

  • die Fähigkeit, die Widersprüche und Ambivalenzen des Lebens und der äußeren Umstände auszuhalten und das Leben nicht schwarz oder weiß zu sehen, sondern sich der Komplexität von Situationen und Lebensentscheidungen bewusst zu sein

  • einen Platz/eine Rolle in der Gesellschaft anzunehmen

  • Ein weiterer wesentlicher Punkt der Persönlichkeitsreife ist zu lernen, mit den eigenen Schwächen umzugehen, aber auch die eigenen Stärken richtig und konstruktiv einzusetzen

Wie zeigt sich ein eindeutiger Wille zur Partnerschaft?

Auch in schwierigen Situationen zu seiner Partnerschaft zu stehen und auch dann „Ja“ zu seinem Partner zu sagen, wenn er Probleme hat und es ihm schlecht geht. Eine Partnerschaft gilt für gute und schlechte Zeiten.

Hat man eine ambivalente Einstellung zu seiner Partnerschaft, wird man sie eher aufgeben, sobald es zu Problemen kommt oder sobald sich eine bessere Option anbietet.

Was gehört zur Beziehungsarbeit?

Die Beziehungsarbeit besteht aus verschiedenen Komponenten. Dazu gehört:

Funktionierende Kommunikation

Diese muss an beide Partner angepasst werden. Sind beide Partner Autisten, werden sie wahrscheinlich weniger miteinander kommunizieren als es bei Nicht-Autisten der Fall ist. Ihre Kommunikation wird eher sachlich sein und wird sich eventuell auf das Nötigste beschränken.


Handelt es sich aber um eine Beziehung zwischen einem Autisten und einem Nicht-Autisten, treffen da zwei unterschiedliche Welten aufeinander. Der Autist wird wahrscheinlich die Kommunikation auf das Nötigste beschränken und sich im Übrigen zurückziehen, um alleine zu sein. Der Nicht-Autist wird in der Regel aktiv Gesellschaft suchen und am liebsten über alles reden, was ihm gerade durch den Kopf geht ̶ Dinge, welche ein Autist eigentlich mit sich selber ausmachen würde.

Wenn die zwei eine gemeinsame Beziehung führen möchten, müssten sie gemeinsam einen Mittelweg finden, der für beide zwar einen gewissen Kompromiss darstellt, mit dem sich aber trotzdem beide zufrieden geben können. Sie könnten z.B. fixe Zeiten ausmachen, wann sie die Zeit miteinander aktiv verbringen, z.B. im Gespräch. In der übrigen Zeit darf, muss aber nicht, sich jeder seinen Anliegen widmen.


Klare Kommunikation

Im Gespräch mit einem Autisten sollte man darauf achten, dass die Kommunikation sachlich, klar und eindeutig ist. D.h. keine Metaphern, keine ironischen Bemerkungen und mehrdeutigen Begriffe oder Sätze benutzen. Wichtig ist auch, genaue Zeitangaben zu benutzen und keine ungefähren Zeitangaben wie: „Ich komme am Nachmittag“.


Gemeinsam verbrachte Zeit

Beide sollten darum bemüht sein, regelmäßig Zeit aktiv gemeinsam zu verbringen, die nicht nur auf das Nötigste beschränkt ist, sondern darüber hinaus geht, wie z.B. gemeinsame Freizeitunternehmungen.

Was ist unter Freiräumen zu verstehen?

Gemeint ist einerseits die Zeit für sich alleine oder für die eigene Freizeitgestaltung, wenn man so will, mit anderen Freunden, jedoch ohne den Partner.

Bei einem autistischen Partner ist zudem ein eigener Raum empfehlenswert, in den er sich jederzeit zurückziehen kann, wenn er überfordert ist, z.B. durch Reizüberflutung; oder sich in seiner Freizeit seinen Interessen ungestört widmen möchte.

Akzeptanz autistischer Symptome


Handelt es sich um eine Beziehung zwischen einem Autisten und Nicht-Autisten, hängt die Beziehungsperspektive maßgeblich davon ab, ob der Nicht-Autist die autistischen Symptome seines Partners akzeptiert wie auch die Einschränkungen und Eigenheiten, die daraus resultieren ̶ ob er dies ernst nimmt und bei der Beziehungsführung berücksichtigt. Ist es nicht der Fall und er den Autismus entweder ignoriert oder versucht, den Autisten dazu zu bringen, sich „normal“ (nicht-autistisch) zu verhalten, ist nicht nur diese Absicht zum Scheitern verurteilt, sondern sehr wahrscheinlich auch die Beziehung selbst. Ein Autist kann sich nicht „einfach verändern“, so wie sich auch ein Nicht-Autist nicht „einfach verändern“ kann. Die gegenseitigen Unterschiede zu kennen und zu berücksichtigen, ist wichtig, wenn die Beziehung auf Dauer lebensfähig sein soll.

Wie kann diegegenseitige Unterstützung im emotionalen und sachlichen Bereich aussehen?

Da jede gute zwischenmenschliche Beziehung auf Gegenseitigkeit beruht, ist es auch in einer Partnerschaft nicht anders. Ein gegenseitiges Geben und Nehmen betrifft die emotionale und sachliche Ebene.

Da gerade die emotionale Unterstützung zu geben dem Autisten schwer fallen kann, diese Fähigkeit aber in einer Partnerschaft mit einem Nicht-Autisten für die Qualität der Beziehung mitentscheidend ist, wird es nicht anders gehen, als dass er sich in diesem Bereich weiterentwickelt. Seine natürliche Neigung, sich emotionalen Situationen zu entziehen ̶ sobald ihn die fremden wie auch die eigenen Emotionen überfordern ̶ ist auf Grund der Symptomatik durchaus verständlich. Ein nicht-autistischer Partner wird es kognitiv zwar verstehen. Er wird sich jedoch trotzdem immer danach sehnen, wenn es ihm psychisch und emotional schlecht geht, dass sein (autistischer) Partner in solchen Situationen zu ihm steht und ihm die Gesellschaft leistet. Wenn es auch dem Autisten in solchen Situationen schwer fällt, die richtigen Worte zu finden, kann er schon dadurch viel bewirken, dass er einfach da bleibt und seinem Partner zuhört und ihm „die Schulter zum Anlehnen“ anbietet.

Worauf ist zu achten, damit man als Autist nicht in eine Art Betreuungsverhältnis hineinrutscht?

Die Gefahr, sich vom Partner abhängig zu machen, besteht vor allem bei autistischen Frauen. Sie kann aber auch bei autistischen Männern vorkommen.

Es bedeutet, dass anstatt einer gleichberechtigten Beziehung, in der die Pflichten und Aufgaben gleichmäßig zwischen den Partnern verteilt wären, einer der Partner bemuttert wird. Die Verantwortung für alle gemeinsamen Lebensbereiche sollte deswegen von beiden getragen werden. Der autistische Partner sollte seinerseits nach Selbständigkeit streben und auch die Dinge zumindest zum Teil übernehmen, die ihm schwer fallen. Der nicht-autistische Partner sollte wiederum darauf achten, dass er den anderen nicht bemuttert, nur weil ihm gewisse Dinge schwer fallen. Mit der Zeit kann auch er eine gewisse Übung gewinnen und Fortschritte erreichen.

Die Folge einer ungleichen Beziehung, in der einer bemuttert wird (was seiner Weiterentwicklung und Selbständigkeit im Wege steht) und der andere früher oder später überfordert wird, ist für keinen der Partner zufriedenstellend. Schließlich fühlt sich keiner der Partner in einer solchen Beziehung wohl.

Reif oder unreif?

Nun stellt sich noch die Frage: Woher sollte man wissen, ob man für eine Partnerschaft reif ist, wenn der eigene Blick oft nicht objektiv ist?

Da helfen Gespräche mit Menschen, die einen gut kennen und die selber positive zwischenmenschliche Beziehungen führen. Man kann sich ein Feedback von Freunden oder von Verwandten holen oder aber auch fachliche Unterstützung in Anspruch nehmen.

Nicht reif?

Man kann nicht automatisch sagen, dass ein Mensch mit AS unreif ist. Manche der AS-Betroffenen sind sehr reif und können intellektuell sehr gut selbst die sozialen und emotionalen Situationen analysieren und ihr Verhalten flexibel und adäquat anpassen.

Bei vielen Menschen mit AS gibt es jedoch gleich mehrere Baustellen, an denen sie arbeiten und eine Weiterentwicklung ihrer Persönlichkeit anstreben könnten.

Perfekte Persönlichkeit, ein idealer Partner?

Doch sollte man nie vergessen, dass es DEN idealen Partner gar nicht gibt. Alle Menschen haben neben ihren Stärken auch ihre Schwächen, und für alle Menschen gilt es, an ihrer Persönlichkeit weiterzuarbeiten. Es geht eher darum, einen stabilen Punkt zu erreichen, an dem man zu einem Menschen wird, der für eine Beziehung reif genug ist.

Autorin: Daniela Dankova

Die Autorin ist Psychologin und arbeitet in einer eigenen psychologischen Praxis in Zürich. Das Asperger-Syndrom ist einer der Schwerpunkte ihrer Tätigkeit. Zu diesem Thema hat sie auch ein Buch geschrieben.

Buchtitel: Autismus-Spektrum-Störung: Asperger-Syndrom. Symptomatik, Therapie, Alltagsbewältigung und Partnerschaften.

Taschenbuch: 244 Seiten

Verlag: BoD-Verlag, 2. Auflage (28.10.2020)

ISBN-10: 3752642223

ISBN-13: 978-3752642223

Erhältlich Online und in allen Buchhandlungen


Literatur:

Dankova, D. (2020). Autismus-Spektrum-Störung: Asperger-Syndrom. Symptomatik, Therapie, Alltagsbewältigung und Partnerschaften. Norderstedt: BoD-Verlag. Krampen, G. & Greve, W. (2008). Persönlichkeits- und Selbstkonzeptentwicklung über die Lebensspane. In R. Oerter & L. Montada (Hrsg.), Entwicklungspsychologie. (S. 652-687). Weinheim, Basel: Beltz.

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