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Ist Autismus heilbar? – ein moderner Blick auf Autismus-Spektrum-Störungen

Aktualisiert: 10. Mai 2024


Tom Harrendorf
Tom Harrendorf

„Autismus kann man nicht heilen, das hat man für immer!“ – das ist einer der gängigen Aussprüche bezüglich der Chancen und Möglichkeiten, Autismus-Spektrum-Störungen zu überwinden. Freilich, "überwinden" ist hier sicherlich ein deutlich besseres Wort als "heilen". Warum es jedoch dringend nötig ist, dieses nicht mehr zeitgemäße Denken über die Unveränderlichkeit von Autismus über Bord zu werfen – und warum autistische Menschen MEHR sind als ihr Syndrom – zeige ich in diesem Artikel.


Vorab: Ich weiß natürlich, dass gerade jene, welche sich (noch) übermäßig mit ihrem Autismus identifizieren, die folgenden Zeilen als Provokation empfinden können. Gleichsam gibt es sicherlich viele autistische Menschen, welche sich so tief im Spektrum befinden, dass ihnen eine vollständige Überwindung ihrer Symptomatik nicht möglich ist. Doch genau wie bei allen Störungsbildern – zum Beispiel den Persönlichkeitsstörungen – wo es Betroffene gibt, welche Zeit ihres Lebens darunter leiden werden, darf uns dieser Umstand nicht davon abhalten, die generelle Überwindbarheit von Autismus festzustellen. Übrigens: Auch Persönlichkeitsstörungen hielt man die längste Zeit für praktisch unheilbar. Doch auch hier hat sich der Blick gewandelt und manche Persönlichkeitsstörungen, zum Beispiel Borderline, gelten heute als ausgezeichnet behandelbar. Zum Schaden der Betroffenen war dieser Perspektivwechsel sicher nicht.

Autismus ist mehr als Genetik


Wieso aber behaupte ich nun, dass Autismus überwindbar wäre? Die meisten Leser dieses Artikels werden einwenden wollen, dass Autismus genetisch veranlagt und somit unveränderlich sei. Das stimmt aber nur zum Teil!

Richtig ist, dass Autismus-Spektrum-Störungen das Resultat eines Anlage-Umwelt-Zusammenspiels darstellen. Es gibt dabei eine genetische bzw. angeborene Veranlagung, welche erst durch das Wechselspiel mit Umweltfaktoren zu dem wird, was wir als Autismus kennen. Diagnostiziert, d.h. mit dem Label "Autismus" versehen, wird dabei nicht die genetische Veranlagung (Geno-Typ), sondern der syndromale in Erscheinung tretende Phäno-Typ. Das bedeutet im Klartext: Keine Symptome, kein Autismus!


Wichtig: Gemäß des dimensionalen Autismusmodells, welches sich in den letzten Jahren durchgesetzt hat, verstehe ich Autismus als Phänomen. Da die genetischen und neuronalen Ursachen mannigfaltig sind, sich von Person zu Person unterscheiden und außerdem ein fließender Übergang zur Normalität besteht, KANN Autismus keine kategoriale Veranlagungsform darstellen. Autismus MUSS somit als Endresultat dessen betrachtet werden, was sich symptomatisch zeigt. Diagnostiziert werden dabei im Grunde die Symptome selbst.


Die meisten Autisten sind nur leicht betroffen


Die ursprüngliche Ansicht darüber, dass Autismus ein Leben lang fortbestehen müsse, hat sich historisch wohl deshalb entwickelt, weil man Autismus als solches nahezu ausschließlich an seinen schwersten Formen (dem frühkindlichen Autismus nach ICD-10 und älter) definiert hat. Gleichzeit sind wohl nur wenige autistische Menschen über die komplette Lebensspanne hinweg begleitet worden.

Heutzutage verfallen die meisten Diagnosen jedoch auf Personen, welche gemäß der Normalverteilung lediglich leicht betroffen sind oder ihre Eigenarten gut kompensieren können.*1 Deswegen hatte sich eine moderne Ansicht, nach welcher Autismus ein Spektrum sei, ja überhaupt durchsetzen können. Nachdem dieser erste Schritt zur Modernisierung jedoch gegangen ist, ist es an der Zeit, auch den zweiten Schritt zu gehen: Nämlich zu verstehen, dass viele derjenigen Autisten, welche sich schon als Kind sehr nah am Grenzbereich zur Normalität befinden, diese Grenze im Laufe ihres Lebens übertreten werden.


Autismus verwächst sich im Alter (ja, wirklich!)


Was viele Fachleute, Coaches und entwicklungsorientiere Betroffene selbst nämlich wissen: Die Symptomschwere von Autismus nimmt im Alter ab. So stellte bereits Tony Attwood fest, dass zum Beispiel die autismusbedingten Wahrnehmungsbesonderheiten (oder besser: die Wahrnehmungsbesonderheiten, welche Autismus bedingen) dazu neigen, sich mit dem Alter abzuschwächen*2

Auch für das Symptom der Spezialinteressen ist diese Abschwächung gut bekannt. Da Spezialinteressen sich im Laufe des Lebens ändern können, beobachten viele erwachsene Autisten, dass sich ihr Interessensspektrum auf eine natürliche Weise vervielfältigt. Es ist ihnen in gewisser Hinsicht möglich, sich auf ältere, bereits verflossene Spezialinteressen zurückzubegeistern. Damit aber wird das eigentliche Wesen des Spezialinteresses, welches eine abnorme und vor allem ausschließliche Beschäftigung mit einem, oder einigen wenigen, Interessensgebieten meint, insgesamt geringer oder führt sich selbst ins Absurde.

Dass auch das eigentliche Kernsymptom von Autismus, nämlich die sozialen Schwierigkeiten, im Laufe des Älterwerdens weniger werden können, bedarf hier sicherlich keiner großen Erläuterung. Übung macht eben den Meister! Besserer Blickkontakt, den anderen ausreden lassen, selbst auch mal was sagen, ja vielleicht sogar ein rundherum charmantes und galantes Auftreten, lassen sich oft erlernen.


Die Liste all der Symptome, welche im Alter besser werden können, ließe sich endlos fortsetzen. Bei dieser Besserung geht es ausdrücklich nicht um Masking oder bloße Kompensation. Mir ist klar, dass manche Eigenarten, wie zum Beispiel die Qualität der Exekutiven Funktionen, sicherlich nur wenig veränderlich sind. Aber Autismus ist ja nicht mit "den Exekutiven Funktionen" gleichzusetzen! Selbst von unseren Genen ist inzwischen bekannt, dass sich diese im Laufe unseres Lebens verändern, bzw. an- und abschalten können.*3

Mir ist klar, dass sich bei manchen erwachsenen Autisten die Schwere der Symptome auch erhöhen kann. Das passiert aber nicht bei allen, wahrscheinlich nicht einmal bei den meisten. Warum dies der Fall ist und ob diese Verstärkung der Symptomatik nicht extrinsische, mit dem Autismus gar nicht unmittelbar in Zusammenhang stehende, Ursachen hat, bleibt offen. Und ich erinnere noch einmal: Nur weil manche es nicht schaffen, irgendwann aus dem Spektrum herauszutreten, bedeutet das nicht, dass Autismus als solches generell unüberwindbar ist. Autismus definiert sich durch seine Symptome, nicht durch seine potenzielle Veranlagung.

Die Diagnose-Schwelle übertreten


So kommt es, dass viele autistische Menschen im Laufe ihres Lebens die Voraussetzungen für eine Autismusdiagnose verlieren – und somit auch ihren Autismus. Ein autistischer Junge, welcher seine Diagnose im Alter von zehn nur knapp erhalten hat, könnte die diagnostischen Voraussetzungen mit 30 nicht mehr erfüllen. Eine aktuelle Studie von 2021 hatte sogar ergeben, das frühe Interventionen bei Kindern die Herausbildung von Autismus vollständig verhindern können.*4


Ich persönlich sehe keinen Grund, warum sich jemand selbst noch als Autist betiteln oder durch sein Umfeld so gesehen werden sollte, wenn er gar nicht als solcher in Erscheinung tritt. Das würde jeglichen Gedanken von "Spektrum", "Neurodiversität" oder ähnlichem diametral widersprechen.

Und noch eine Sache: Eines der Pflichtkriterien, welches nach allen gängigen Diagnosesystemen (sinnvollerweise) erfüllt werden muss, ist das Kriterium eines Leidensdruckes, bzw. richtiger, einer "erheblichen Beeinträchtigung" verschiedener Lebensbereiche durch die autistischen Symptome.*5 Was aber, wenn das Umfeld eines Betroffenen so sehr zu seinen Anlagen passt, dass es zu keiner Beeinträchtigung mehr kommt?

Diese Frage ist dabei mehr als nur bloße Theorie. Während Kinder nämlich ihrem Umfeld, in welches sie hineingeboren werden, praktisch auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind, haben Erwachsene meist die Möglichkeit, sich ihr Umfeld gemäß ihren Anlagen zu gestalten. Das ist auch einer der Gründe, warum viele Krankheiten und Störungen (nicht nur Autismus) im Alter oft besser werden. Wenn aber autistische Kinder als Erwachsene nicht mehr unter ihren Symptomen leiden und diese eventuell sogar konstruktiv einzusetzen wissen (sie ihnen also sogar nützen) – sind sie dann noch Autisten? Die Wissenschaft hat hierfür den Begriff "broader autism phänotype" geprägt.*6

Ein moderner Blick auf Autismus


Nach all dem Gesagten sollte klar sein: Wir brauchen einen modernen Blick auf das Autismus-Spektrum und die (Un-)Veränderlichkeit von Autismus. Angesichts der hohen Anzahl von Personen, welche heute mit nur leichten Formen von Autismus diagnostiziert werden und der hohen Schwankungsbreite der Symptome, ist die Aussage "Autismus hat man für immer!" nicht mehr zeitgemäß. Grundvoraussetzung für eine positive Veränderung sind neben dem Verstreichen von Zeit vor allem der Wille zur Veränderung, ein positives Umfeld sowie die disziplinierte Arbeit an sich selbst.


"Aber alles, was ich bin, ist doch Autismus"


Zum Schluss: All jenen Menschen, welche sich jetzt vielleicht sträuben, weil sie selbst Autisten sind und glauben, mit dem Autismus auch sich selbst zu verlieren, möchte ich sagen: Es ist nicht so!

Der Mensch ist mehr als sein Autismus. Es stimmt nicht, dass Autismus jeden Wesenszug eines Menschen ausmachen und bedingen würde.

Ethisch-moralische Haltungen, politische Einstellungen oder ob jemand ein gutes Herz hat oder nicht, sind völlig unabhängig davon, ob er im Spektrum ist. Es gibt Menschen sowohl mit als auch ohne Autismus, welche eine bestimmte Partei wählen, bestimmte Filme schauen oder ein bestimmtes Essen mögen. Das allein beweist, dass es nicht der Autismus ist, welcher den Menschen ausmacht.

Natürlich stimmt es, dass der Autismus irgendwie in einem steckt. Aber das tun Eigenschaften wie das (ebenfalls angeborene) Temperament genauso. Niemand würde doch aber sagen, er wolle bei Streit ein Leben lang an die Decke gehen, weil er ohne diesen Wesenszug nicht mehr er selbst wäre.

Autismus verursacht Leiden. Nicht nur per Definition nach den Diagnosekriterien, sondern auch ganz praktisch und im echten Leben. Autismus macht einsam. Machen wir uns nichts vor. Autismus zerstört auch Karrieren und Lebenswege, weil Betroffene nicht für die Schule lernen oder die Umgebungsreize im Betrieb nicht ausfiltern können. Es lohnt sich deshalb immer, an sich zu arbeiten. Und es lohnt sich vor allem, Autismus nicht länger als unüberwindbares Schicksal zu sehen.


Ich selbst habe es (fast) geschafft


Ich selbst habe die Diagnose auf Autismus im Alter von 17 das erste Mal erhalten. Heute, fast 20 Jahre später, kann ich sagen: Ja, ich habe es (fast) geschafft! Meine autistischen Symptome haben nicht nur einen starken Rückgang erfahren, sondern ich habe auch einen stabilen Freundeskreis aufgebaut, bin berufstätig (nach jahrelanger, voller Erwerbsminderung) und sehe mich kaum noch als Autist.

Und damit bin ich kein Einzelfall: In meiner Tätigkeit als Selbsthilfegruppenleiter habe ich viele Betroffene kennengelernt, welche in nur wenigen Jahren eine enorme Entwicklung vollzogen haben. Für viele ist das Thema Autismus heute nicht mehr relevant. Grundlage dafür ist, wie schon gesagt, der Wille zur Veränderung und die Arbeit an sich selbst.


Deswegen ist es mir auch ein Herzenswunsch, dass wir damit aufhören, autistischen Menschen die Unveränderlichkeit ihrer Störung einzubläuen. Es tut mir weh zu sehen, wenn Betroffene sich mit ihrem Autismus überidentifizieren und als höchstes Lebensziel ihre Frührente anstreben. Selbst dann, wenn sie nur leicht im Spektrum sind. Kein mir bekannter Autist hat die Überwindung seiner Symptomatik je bereut, niemand trauert seinem Autismus nach. Und selbst wer es so weit nicht schafft, kann sich enorm verändern oder eine sinnvollere Lebensmaxime entwickeln, als nur das Autistisch-Sein.



Tom Harrendorf ist diagnostizierter Asperger-Autist, Selbsthilfegruppenleiter, selbstständiger Berater und Gründer der Seite autismusspektrum.info. Er veröffentlicht seit 2018 regelmäßig Podcasts und Fachbeiträge zu den Themen Autismus, Borderline und anderen psychologischen Themen. Auf YouTube und anderen Kanälen begeistert er damit aktuell 50.000 Abonnenten.


Quellen:

*1 Allen Frances – Normal, 2013, S.2015

*2 Tony Attwood – Leben mit dem Asperger-Syndrom, 2019, S.322

*3 https://www.mpg.de/11821815/mpiib_jb_2017 (Abgerufen 22.10.2022)

*5 https://icd.who.int/browse11/l-m/en#/http://id.who.int/icd/entity/437815624 (Abgerufen 22.10.2022)

*6 https://www.autismusspektrum.info/post/welche-ziele-verfolgt-die-psychotherapie-bei-hochfunktionalen-autismus-spektrum-st%C3%B6rungen (Abgerufen 22.10.2022)

21 Kommentare


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